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Mittwoch, 25. Mai 2011

Touristisches Kuriositätenkabinett



(veröffentlicht im Nord-Süd-Magazin INKOTA-Brief, 06/2011 >>, Fotos: fffriendly (Strand), CF (Fenster))

Katastrophentourismus/ Dark Tourism
Die Faszination für fremdes Elend ist nicht neu: 1921 warben die Basler Nachrichten mit „Reklamefahrten“ über das „Schlachtfeld ‚par excellence’“ von Verdun. Den geneigten Touristen erwarte dort ein „unerhört großartiges Gesamtbild von Grauen und Schrecken“. An einem Ort, wo es „keinen Quadratzentimeter Oberfläche [gibt], der nicht von Granaten durchwühlt wurde“ und „vielleicht 1,5 Millionen Menschen verbluteten“, versprach die Zeitung „unvergessliche Eindrücke“ – das alles natürlich bei „erstklassige[r] Verpflegung“.
So drastisch formuliert heute niemand mehr, doch die Sensationslust ist die gleiche: Jede Naturkatastrophe, vom Elbhochwasser bis zu Hurrikan Katrina , lockt Tausende Schaulustige an, meist spontan und individuell. Einige „verlässliche“ Katastrophen-Hotspots werden auch von Agenturen angesteuert, Tschernobyl zum Beispiel oder die kambodschanischen Killing Fields. Die Abgrenzung zu tatkräftigen Helfern und geschichtsbeflissenen Bildungsreisenden ist allerdings nicht immer einfach, und sicher wird aus der schaurigschönen Erwartung vor Ort auch manchmal echte Betroffenheit.

Slumtourismus
Was sind schon die Copacabana, das Taj Mahal und der Nairobi-Nationalpark gegen Rocinha, Dharavi oder Kibera? Immer mehr Touristen, die keine sein wollen, schließen sich Safaris in die Elendsquartiere dieser Welt an. Was sie dort suchen, verraten die Namen der Anbieter: „Exotic Tours“ oder „Reality Tours & Travel“ – Exotik eben und das „wahre Leben“. Zur Neugierde auf die „andere Seite“ der Metropolen hat sicher auch der große Erfolg von Spielfilmen wie Slumdog Millionaire, Tropa de Elite oder City of God beigetragen.
Slumtourismus, mehr oder weniger organisiert, ist so alt wie soziale Unterschiede – schon im 19. Jahrhundert schlichen wohlhabende New Yorker durch die Lower East Side, um zu sehen, wie die andere Hälfte so lebt. Soziologen sehen das Geschäft mit der Armut zwiespältig: Einerseits verschaffen die Besuchergruppen den Vierteln Einkommensmöglichkeiten und brechen die gesellschaftliche Isolation zumindest ansatzweise auf. Im besten Fall bauen die Touristen Vorurteile ab, wenn sie sehen, wie fortschrittlich sich die Ärmsten der Armen organisieren, etwa bei der Nachbarschaftshilfe oder basisdemokratischen Entscheidungen. Doch Kritiker vermuten, dass externe Agenturen häufig folgenschwer in diese Strukturen eingreifen. Mancherorts sollen sie beispielsweise Abkommen mit Drogenbossen schließen, um die Sicherheit der Touristen zu garantieren. Fraglich auch, was die kurze und oft stumme Begegnung bei Besuchern und Besuchten anrichtet: Im schlechtesten Fall fühlen sich die einen bloß in ihrer Überlegenheit bestärkt und die anderen zu hoffnungslosen Objekten ausländischer Voyeure degradiert.


Urlaub auf Balkonien
In einer Zeit, da die westliche Welt über Alexander von Humboldts Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents staunte und alles, was Rang und Namen hatte, ausschwärmte, die letzten 'weißen Flecken' des Planeten zu 'entdecken' – da saß der 27-jährige Edel- und Lebemann Xavier de Maistre in seinem kleinen Zimmer in Turin fest. Hausarrest, sechs Wochen lang; er hatte sich bei einem verbotenen Duell erwischen lassen. Doch statt sich über den Freiheitsentzug zu grämen, drehte de Maistre den Spieß einfach um und schrieb über die ausführliche Erkundung seines Schlafzimmers, die 1790 ein Bestseller wurde (Reise um mein Zimmer) und 1798 als Fortsetzung erschien (Nächtliche Expedition um mein Zimmer).
Was er – neben der Eleganz der Sofabeine und der Komplexität seines Bettes – entdeckte, ist so simpel wie tiefsinnig, in seiner wie in unserer Zeit: Nicht das Höher, Schneller und Weiter des Reisens führt zu wirklichen Erkenntnissen, sondern unsere Einstellung. Wer offen für Unerwartetes, scheinbar Nebensächliches ist, entdeckt vor seiner Haustür mehr als ein selbstbezogener Tourist auf seiner Reise um die Welt.
In Zeiten immer knapper werdender Ressourcen und immer ausgetretenerer Pfade macht De Maistres Downshifting-Ansatz Schule: Der Schweizer Philosoph Alain de Botton (Kunst des Reisens) 'bereiste' zu Fuß sein Londoner Viertel und der Spiegel-Korrespondent Tiziano Terzani (Fliegen ohne Flügel) entdeckte die neue Langsamkeit, als er ein Jahr lang aufs Fliegen verzichtete und sich all seinen Recherchezielen respektvoll über Land näherte, erstaunt über die Distanz und die Mitreisenden. Und er erkannte: Die besten Geschichten liegen auf dem Weg und nicht am Ziel.

Sonntag, 6. September 2009

Schnee im Gelee

Eine deutsch-französische Alberei


Meine ersten französischen Wörter waren nicht etwa „Bonjour“, „Merci“ oder „Merde“, sondern „plié“ und „tendu“. Nicht sehr praktikabel, muss ich zugeben. Aber ich merkte ohnehin erst viel später, dass es sich um Französisch handelte.
Ich war acht Jahre alt, Ballettschülerin und fand, tongdü klinge auch nicht schlechter als tatütata. Und dann konnte man sich das Wort ja auch gut merken: „tooooongdü“ dachte ich und streckte langsam mit aller Kraft das Bein vor. Heute sieht mein „tendu“ sicher schlechter aus; dafür klingt es besser. Und ich weiß, dass meine ersten französischen Worte „gebeugt“ und „gestreckt“ bedeuteten. Andere Ballettworte ließen sich schlechter merken, doch wir waren geübte Konstrukteure von Eselsbrücken. Und so hat sich zu Beginn der Neunziger Jahre in der Kleinstadt Oelde so mancher Passant gewundert, wenn ihm Montag abends aus dem Kellerlichtschacht der Tanzschule eine deutsch-französische Beschwörungsformel entgegenschwappte: „Scheenee, Schnee im Gelee“, murmelten unten zwölf Mädchen ernsthaft und konzentriert, während sie Pirouetten (chaînées) durch den Raum drehten. Die Magie der Polyphonie verlieh uns Flügel.

Donnerstag, 6. August 2009

"Berichtigung"

Der kleine Kasten "Berichtigung", meist dezent am unteren Rand platziert, verbindet das peinliche Eingeständnis mit der ostentativen Geste des guten Journalismus: Sehr her, wie transparent wir sind und wie heldenhaft wir zu unseren Fehlern stehen! Errare humanum est - et pium. Je kleinlicher die Berichtigspraxis, desto größer und weniger erratisch die Zeitung: "Wir sind einer falschen Bildinformation erlegen," schreibt die ZEIT etwa im Ferienmonat August 09. "Die Bildunterschrift zeigte weder verheiratete noch heiratswillige junge Männer und Frauen." Hach, wenn's mehr nicht ist. Welcher Leser würde sich bei solchen Zeilen nicht in absoluter Geborgenheit wiegen unter dem großen Dach seiner aufgeschlagenen ZEIT.

Wenn aber ein Ressort den "Berichtigungs"-Kasten ritualisiert, dann ist die Ironie nicht zu übersehen. Genau das Richtige fürs taz-Feuilleton. Wie ein stummer Appell stehen die 6-12 Zeilen da: Bitte baut einen Fehler ein, damit wir jedenfalls morgen etwas zu berichtigen haben! Kleinvieh macht auch Mist, aber doch nicht täglich, und nicht auf zwei Kulturseiten. Stärker gefürchtet als spontane Nachrufe und Kommentare auf der Titelseite ist nur er: der kleine Berichtigungskasten, der täglich in einem rhetorischen Schlagabtausch von einem Schreibtisch zum nächsten geschoben wird. Und an besonders fehlerfreien Tagen landet er auf verschlungenen Wegen schließlich bei der Volontärin. Damit die sich irgendeinen Blödsinn ausdenkt. So was zum Beispiel:
Im nächsten Jahr werden wir viel zu berichtitititigen haben, denn während wir in die Tasten hauen, klopfen Bauarbeiter um die Ecke Steine - ein Jahr lang, Ruine raus, Haus rein. Zu schade, dass wir nicht zur Umweltbehörde gehen können wie unser Autor in Manila, der um Mitternacht mit "Morning Has Broken" beschallt wird, während wir hier den Morgen-Blues bekommen. Denn die taz liegt wohl kaum in einer "residential zone" und eine "Zone für lärmempfindliche Journalisten" ist in Berlin noch nicht eingeführt. Fragt sich, was schlimmer ist: unser Morgen-Blues oder "Morning Has Broken" um Mitternacht? Und ob Springer am anderen Ende der Rudi-Dutschke-Straße auch durchgeschüttelt wird?

War natürlich viel zu lang und ich hab's auf kompakte sechs Zeilen zurechtgehämmert:
"Morning Has Broken" in Manila, Morning-Blues bei uns: Wo wir in die Tasten hauen, klopfen Bauarbeiter Steine - eieieiein Jahr lang: Ruine raus, Haus rein, Kopf kaputt. Viel zu berichtigen in nächster Zeit. Ob auch Springer durchgeschüttelt wird?

Und während der Preßlufthammer abgeht wie ein Techno-DJ auf LSD, schürfen wir tief und finden - nichts:
Statt Lack und Leder lauter Leere: kein Foto von Britney, weiße Wände bei Nedko Solakow, Krautrocker, die keine sein wollen - und die SPÖ ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Die Dienstags-taz widmete sich dem Nihilismus in all seinen Erscheinungen. Nicht mal zu einem saftig-peinlichen Fehler hat's gereicht! Das Sommerloch wird zum Mahlstrom!

Donnerstag, 2. Juli 2009

Holzhacken

Urbane Landpartie

Beim Aufstieg aus der Unterwelt des BVG weht uns frischer Birkenduft vom Alexanderplatz entgegen, wo uns sonst eine Wolke aus Abgasen und Schwermetallen empfängt. Birkenduft! Ein Biss in eine Proust'sche Madeleine oder in eine Kapsel LSD hätte die gleiche Wirkung. Unbekannte wechseln verklärte Blicke. Da war doch was? Die Schäreninsel! Das Nickerchen zwischen Kiefernzapfen! Die unendliche Seenspiegelwelt...

Kreischende Kettensägen reißen uns aus der Gruppenekstase. Mitten auf dem Platz stehen breitbeinig 30 Frauen jenseits der 50, in Cargohosen und Gummistiefeln, Äxte und Sägen geschultert, wie in einem Tanztheaterstück von Pina Bausch. Pastorinnen und Steuerberaterinnen, Schwedische Axtwerferinnen aus Sundsvall und Ahnungslose aus Berlin. Ellionor schwitzt, ihr weißes Shirt klebt am stämmigen Körper, graue Strähnen hängen ihr in die Stirn - doch sie strahlt, während sie mit einem Holzklotz kämpft. 30 Kubikmeter Birkenstämme sollen die Frauen an drei Tagen verhackstücken - unter den Augen der Passanten, die die riesige Installation der dänischen Choreografin Dorte Olesen misstrauisch, belustigt oder gebannt umrunden. Adrette Schwedinnen, ein halbes Jahrhundert jünger als die Holzhackerinnen, verteilen kleine Holzklötze - oder sind es Knäckebrote?

Am Gitter lehnen zwei Männer in Karohemden und wetteifern um Ellionors Aufmerksamkeit - und um den Rang des Vorarbeiters. "Umdrehen!" mahnt der eine. Sie dreht sich um, nachsichtig lächelnd. "Nicht
Du, der Klotz!" motzt der andere und macht Anstalten über den Zaun zu steigen, um selbst Hand anzulegen. Ellionor kneift die Augen zusammen. "Vadå? Das kann ich nicht!" ruft ihr Mund, "Holzkopf!" keift ihr Blick. Die Männer zucken zusammen, wollen gehen, da wirft sie den Kopf zurück und lacht schallend, in ihren Augen der Schalk einer ergrauten Pippilotta. "Das ist Kunst, keine Baustelle", flötet eine Flaneurin im Vorbeigleiten. Wer glotzt, wird beglotzt.

Ellionor hebt die Axt, die Frauen jubeln: "Det är bra, jajaja!" Das Holz splittert, die Mundwinkel der Männer zucken. Ein Baby gluckst bei jedem Treffer, ein Bernhardiner berauscht sich an der harzigen Brise, irgendwo nähert sich ein Streifenwagen. Hinter einer Landschaft aus Holzmieten
und Sägespänhügeln sprudelt der Brunnen der Völkerverständigung wie ein Wasserfall und spült jede Erinnerung an die Szene davon - bis zum nächsten Birkenrausch.

(veröffentlicht als 'Berliner Szene' in der taz vom 2. Juli 2009 >>)

Montag, 11. Mai 2009

Wie’s blinkt und blitzt im Bötzow-Kiez

Baal anno 2009
Schlaftrunken bin aufgewacht an diesem Sonntagmorgen, wie so viele Berliner. Und dazu mussten wir nicht einmal trinken, nur da sein. Also hier, nicht da; ausgerechnet diese Straße mit ihren teuren Lokalen und Weinen bot gestern Nacht Kopfschmerzgarantie.
Es hätte sich jeden Ort aussuchen können zwischen Ostseeküste und Sächsischer Schweiz; kein Gebirge hat es auf diese paar Quadratkilometer Berlin hinuntergezwungen, kein Spitzel die drei Millionen schlafenden Seelen verraten. Das Gewitter selbst wollte es so.
Ich hatte gerade das Licht gelöscht, als ein kalter Schein das Zimmer ausleuchtete. Der nächste Blitz fiel fast mit dem Donner zusammen, dann wurde es totenstill. Selbst das Sektglasgeklimper von gegenüber war verstummt.
Hellwach stehe ich mit einem Riesensatz auf dem Balkon, hole den Metallstuhl rein und schließe die Türen. Es regnet kaum. Umso besser ist das
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zu hören. Ein sehr fremdes Geräusch. Nie gehört, gleich erkannt.
Instinktiv kneife ich die Augen zusammen. Donner lässt die Wände vibrieren. Oder ist Baal zurückgekehrt? Unten jault eine Alarmanlage wie ein Tier bei der Schlachtung. Nach einer Ewigkeit taste ich mich zum Fenster, gegenüber gehen die Lichter an, von unten leuchtet es feuerwehrblau. Barfuss steige ich in eine Pfütze auf dem Balkon. Der Regen hat eingesetzt, die Straße liegt verlassen und apokalyptisch dar.
Ob es dem Gewitter mehr Spaß macht Berlin zu erschrecken als Wadersloh? Ob es lieber den Reichen und Schönen in Prenzlauer Berg seine Macht demonstriert als dem Ottokleinstverbraucher in Marzahn? So denke ich, während ich auf der Suche nach Rauch die Straße hinunter- und unser Haus hochblicke. Und im selben Moment verstehe ich das Gewitter.

Donnerstag, 28. Februar 2008

Der Zukunft ihre Grammatik

Mein Nachhilfeschüler kann nicht unterscheiden zwischen Indikativ und Konjunktiv, zwischen dieser und einer Gedankenwelt. „Wenn ich in der Unterwasserkolonie wohnen werde....“ Ein „würde“ geht ihm nicht über die Lippen. Alles ist zusammengerückt in seinem Pokemón-Ballerspiel-Leben. Ein Hitlerbart, schnell aus Papier gerissen und unter die Nase geklemmt, ist ein Scherz; das entsetzte Gesicht der Nachhilfelehrerin wie aus der Zeit gefallen. Alles ist gleich wahrscheinlich oder unwahrscheinlich. Auf dem Zeitstrahl zwischen Präsens und Futur malt er eine breite Abzweigung, die sich im Geäst eines toten Baumes verliert: die totale Zerstörung, der Weltuntergang. Nichts ist unmöglich für diesen 12-Jährigen. Drei Lutscher sind wie dreißig Euro, findet er. Und zu den dreißig Milliarden zur Bankenrettung ist es dann auch nicht mehr weit, findet seine Mutter. Nicht er hat die Parallelwelten erfunden; der Konjunktiv ist im Indikativ angekommen.

Donnerstag, 29. März 2007

Abenteuer und Wilde Tiere vor der Haustür - oder:...

... wie ich mich einmal für meine Magisterarbeit anmelden wollte

Warum in die Ferne schweifen, wo das Glück (oder Unglück) doch liegt so nah. Neun Jahre nach Humboldts Veröffentlichung seiner "Reise in die Äquinoktialgegenden des Neuen Kontinents" veröffentlicht der 27-jährige Franzose Xavier de Maistre den Bericht seiner "Voyage autour de ma chambre", seiner "Reise durch sein Schlafzimmer". Als Ethnologie-Studentin in G., vielleicht als Student im stiftungsuniviversitären Deutschland berhaupt, braucht man nicht weit zu gehen, um sich mitten im Labyrith des Minotaurus zu wähnen.
Mit dem Verwaltungsdickicht unserer Alma Mater nimmt es auch kein amazonischer Regenwald auf, nach ein paar Semestern in G. bin ich jedenfalls tiefer in unbekannte Weltengegenden vorgedrungen als nach 15.000 Buskilometern in Südamerika. Keine bolivianische Andenpiste war so staubig, dass die Aktenordnern unserer Verwaltung es nicht mit ihm aufnehmen könnten. Und auf einmal stehst Du ohne Plan auf den letzten unkartierten Flecken unseres Planeten. Willkommen im Abenteuer!


Madame, da haben wir uns aber in der Tür geirrt - und im Studienfach und im Kontinent. Kommen Sie nächstes Jahr wieder, aber nicht zu mir!

Heute morgen Reise nach Afrika. Gar nicht weit: Ethno-Bunker am Theaterplatz, geradeaus durch den Handzettelwald und hinein in die Höhle der Löwen. Hinter jeder Tür ein kleiner grauer Professor, dessen eigentliche Aufgabe darin zu bestehen scheint, abwesend zu sein: Die eine verschlossene Tür weist nach Ozeanien, die andere nach Westafrika, wieder eine auf die Trobriandinseln, Häuptling Thunderstorm-On-The-Prairie ist mit dem Stamm der Ethnologen verfeindet und regiert nun die Romanisten. BB, die nicht nur so aussieht wie Kleopatra sondern womöglich auch so alt ist, war schon fünf Jahre vor ihrer Rente nur noch ein selten hereinschwebender Geist, ein Name, der nie ohne das obligatorisch nachsichtig-geheimnisvolle Lächeln ausgesprochen wurde: 'BB' lässt sich nur mit diesem Lächeln sagen, das auch mal ins Spöttische gehen darf, so wie die Xhosa-Sprache nicht ohne den Schnalzlaut auskommt - vielleicht ist diese Übung in Gelassenheit und Toleranz die wichtigste des ersten Semesters. Weiß Allah, in welcher westafrikanischen Hütte sie inzwischen lebt und in welches Ahnenwesen sie sich einmal verwandeln wird. Steht nur fest: So abwesend wie BB ist keiner; sie wird unsere Scheine und die Antworten auf unsere Fragen, die gestellten und die ungestellten, noch mit ins Grab nehmen.
Am Eingang der Höhle begegne ich zwei modernen Massai. Ihren Speer haben sie gegen einen Kuli ausgetauscht, ihre Trance beziehen sie offensichtlich von einem Jet-Lag und die Kriegsbemalung vom Tattoo-Studio. Sie sind die Initianten, die auf die Aufnahme in diesen Ältestenrat warten, der in alle Winde verstreut ist - wer weiß, wie lange schon. Ganz am Ende des Ganges thront der Verwalter all dieser Ausreden - nennen wir ihn kurzerhand Herr Kurtz - der seit 20 Jahren einmal wöchentlich die gleiche Vorlesung hält. Da zeigt er dann oft stundenlang Dias, was sehr schön ist. Schön dunkel. Habe nie so gut geschlafen. Zu ihm will ich jetzt, von ihm nur eine Unterschrift für jede Menge andere Unterschriften, die ich dann bald in eine noch größere tausche und dann nach 100 Seiten Arbeit und ein paar Prüfungen in eine vorläufig letzte. So einen Tauschhandel müsste er doch verstehen, der Wirtschaftsethnologe. Ohne Tropenhut begrüsst er mich, weder teilnehmend noch beobachtend, sein Gesicht in der Farbe der Wand, eine ganz Amt gewordene Salzsäule. An den Wänden hängen Bilder aus Afrika - nein, Bilder aus Europa VON Afrika. Eine Karte, in die säuberlich Territorialgrenzen eingezeichnet sind, die es so nie gab. Mit Grenzen kennt er sich aus, der Mann. Wo er kann, setzt er sie gerne selbst. Meinen Wunsch und dessen Dringlichkeit gehört, dreht mir der Mächtige den Rücken zu und telefoniert mit seiner Sekretärin. Im Ton eines Kolonialverwaltung eröffnet er mir kurz darauf, ohne mich anzusehen: Nein, es werde wohl anders gehandhabt. Der abwesende Kollege ist für die Sichtung der Scheine in meiner Hand und die Unterschrift zuständig. Er könne das nur tun, wenn mein Lebensglück davon abhänge. Ich rede von Wohnzeitverlängerungsantrag, aber diese Wohnung scheint ihm kein ausreichendes Kriterium für mein Glück zu sein. Er werde das nicht tun, er könne ja einen Formfehler begehen...
Dass sein 'Formfehler' womöglich vielmehr darin bestand, eine Studentin kurz vorm Magister mit Termin und klarem Anliegen an einem sonst ereignislosen Tag abzuwimmeln, fällt diesem promovierten habilitierten Stammhalter gar nicht ein. Im Herausgehen sehe ich eine Wandseite voller Aktenordner: "Korrespondenzen 1.1979 - heute." Würde mich nicht wundern, wenn sie alle leer sind...

Dienstag, 24. Januar 2006

Ansichtskarte aus Göttingen


In der Campusdämmerung wirkt der Turm der fernen Jacobikirche wie nur für diesen Anblick gebaut. Zu anderer Stunde habe ich ihn nie so wahrgenommen; drinnen war ich erst recht noch nicht und seit an seiner Pforte das Schild „Die Kirche ist offen!“ prangt, ist jeglicher Rest von Neugierde auch im Keim erstickt. Er leuchtet grün und gelb inmitten eines tiefblauen Winterhimmels - und es scheint, als tue er das schon so lange, dass er seinerseits Himmel und der Himmel ein bisschen jacobi geworden ist. Seine Ränder wapern unscharf als gäbe es gar keinen soliden Turm, als hätte sich nur sein Licht oder die Erinnerung daran in den Himmel eingebrannt, beide zweidimensional ineinander verklammert.
UNSER Kirchturm zitiert noch die Farbe ihres Dachs, aber steht uns ansonsten schief und echt wie ein aus der Tasche gefallener Bleistift gegenüber – ein postmodernes Stück Kunst, das isoliert und zufällig in die Höhe strebt. Wenn es seinen nackten Finger gen Himmel reckt, dann nicht wie ein überirdischer Streber. Dann ist diese Geste Herausforderung. Inzwischen mehr Litfasssäule als Kunstwerk, ganz transzendentlos, einer von uns, der an unserer Statt an der SUB ausharrt, wenn wir ja eigentlich auch dort sind, noch eigentlicher aber im Bett liegen. Er ist der Vorposten der studentischen Zivilisation und markiert inmitten des Dorfes diese Stadt, die so viele Viertel hat – ‚Exzellenzzentren’ und autonome Kommunen, zwischen denen wir so geschickt lavrieren und multikultivieren bis zur Herauskatapultierung. Hier weiß noch niemand etwas von Steuererklärungen und Eigenheimzulagen und drum werden jedes Semester wieder eigene Gesetze erfunden, die sich nur nach dem lautesten Entwurf, nicht nach dem Veto richten: Die Stöckelschuhpflicht für Juristinnen ist alt, doch seit kurzem sind rosa Polohemden hinzugekommen (gar nicht so einfach, wo H&M doch sicher nur ein paar Hundert auf Lager hatte)... Oder etwa die Aktiendiskurse der männlichen Arroganzelite, immer ausstaffiert mit FAZ, schwarzem (halbleerem!) Aktenkoffer und blondem Lachpüppchen, die um die obersten Ränge der Rotunde dröhnen – dort wo man alles so schön unter Kontrolle hat und mit einem Blick oder einem Schachzug den Kommilitonen abschießen könnte. Ja, könnte, denn damit lässt man sich ja noch Zeit bis nach dem Abschluss... Dieser Konjunktiv allein macht unser Reich so friedlich: ein wahrer Spielplatz zwischen seinen Fahrradfetischisten und Kaffeepottklauern, auf dem aber, wie mir an der endlos rotierenden Spiegeltür der Unibibliothek regelmäßig aufgeht, die gesellschaftlichen Katastrophen und Rettungen der nächsten 40 Jahre vorbereitet werden. Hier rempeln die zukünftigen Kleriker und Manager, Bundesrichter und Berufszyniker einträchtig am Kaffeeautomaten vorbei und tun ein letztes Mal so, als wüssten sie nichts von ihrer zukünftigen Fehde.