Donnerstag, 2. Juli 2009

Holzhacken

Urbane Landpartie

Beim Aufstieg aus der Unterwelt des BVG weht uns frischer Birkenduft vom Alexanderplatz entgegen, wo uns sonst eine Wolke aus Abgasen und Schwermetallen empfängt. Birkenduft! Ein Biss in eine Proust'sche Madeleine oder in eine Kapsel LSD hätte die gleiche Wirkung. Unbekannte wechseln verklärte Blicke. Da war doch was? Die Schäreninsel! Das Nickerchen zwischen Kiefernzapfen! Die unendliche Seenspiegelwelt...

Kreischende Kettensägen reißen uns aus der Gruppenekstase. Mitten auf dem Platz stehen breitbeinig 30 Frauen jenseits der 50, in Cargohosen und Gummistiefeln, Äxte und Sägen geschultert, wie in einem Tanztheaterstück von Pina Bausch. Pastorinnen und Steuerberaterinnen, Schwedische Axtwerferinnen aus Sundsvall und Ahnungslose aus Berlin. Ellionor schwitzt, ihr weißes Shirt klebt am stämmigen Körper, graue Strähnen hängen ihr in die Stirn - doch sie strahlt, während sie mit einem Holzklotz kämpft. 30 Kubikmeter Birkenstämme sollen die Frauen an drei Tagen verhackstücken - unter den Augen der Passanten, die die riesige Installation der dänischen Choreografin Dorte Olesen misstrauisch, belustigt oder gebannt umrunden. Adrette Schwedinnen, ein halbes Jahrhundert jünger als die Holzhackerinnen, verteilen kleine Holzklötze - oder sind es Knäckebrote?

Am Gitter lehnen zwei Männer in Karohemden und wetteifern um Ellionors Aufmerksamkeit - und um den Rang des Vorarbeiters. "Umdrehen!" mahnt der eine. Sie dreht sich um, nachsichtig lächelnd. "Nicht
Du, der Klotz!" motzt der andere und macht Anstalten über den Zaun zu steigen, um selbst Hand anzulegen. Ellionor kneift die Augen zusammen. "Vadå? Das kann ich nicht!" ruft ihr Mund, "Holzkopf!" keift ihr Blick. Die Männer zucken zusammen, wollen gehen, da wirft sie den Kopf zurück und lacht schallend, in ihren Augen der Schalk einer ergrauten Pippilotta. "Das ist Kunst, keine Baustelle", flötet eine Flaneurin im Vorbeigleiten. Wer glotzt, wird beglotzt.

Ellionor hebt die Axt, die Frauen jubeln: "Det är bra, jajaja!" Das Holz splittert, die Mundwinkel der Männer zucken. Ein Baby gluckst bei jedem Treffer, ein Bernhardiner berauscht sich an der harzigen Brise, irgendwo nähert sich ein Streifenwagen. Hinter einer Landschaft aus Holzmieten
und Sägespänhügeln sprudelt der Brunnen der Völkerverständigung wie ein Wasserfall und spült jede Erinnerung an die Szene davon - bis zum nächsten Birkenrausch.

(veröffentlicht als 'Berliner Szene' in der taz vom 2. Juli 2009 >>)