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Donnerstag, 19. Dezember 2013

Unruhe nach dem Sturm

Der Taifun „Haiyan“ hinterließ eine Schneise der Zerstörung. Nothelfer unterstützen die Betroffenen beim Wiederaufbau.

 
(erschienen in der "Welternährung" 4/2013, der Zeitung der Welthungerhilfe >>)
außerdem in der Ausgabe 4/2013: Was der Taifun mit dem Klimawandel zu tun hat (und was nicht), warum ein Forscher Wespen über halb Afrika abwirft und dafür einen Preis bekommt und warum unser Interviewpartner in Sierra Leone verhaftet wurde.  


ROXAS/ CEBU CITY/ BONN | In der Telefonleitung rauscht es. Keine technische Störung, sondern ein sintflutartiger Regen, der seit Stunden auf die Insel Panay herabprasselt. Auf die zerschmetterten Fischerbooten am Strand. Auf Palmenstümpfe, die grotesk in alle Richtungen ragen. Auf Menschen, die in ihren notdürftig reparierten Hütten kauern. Und auf die Nothelferin Elisabeth Biber. „Die Regenzeit ist noch nicht vorbei“, sagt sie später im Trockenen. „Umso mehr drängt für uns die Zeit.“ Die 26-Jährige ist die Jüngste von sechs Nothelfern der Welthungerhilfe, die die Filipinos auf den Inseln Panay und Cebu beim Wiederaufbau unterstützen.
Seit der Taifun „Haiyan“ am Morgen des 9. November die Philippinen erreichte, ist das einstige Inselparadies der Visayas nicht wiederzuerkennen. Über vier Millionen Menschen haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren, über 5000 Menschen sind gestorben. „Die Zerstörung ist unfassbar groß.“ Elisabeth Bibers Stimme am Telefon stockt. Den Betonbauten der Mittelschicht konnte der Taifun wenig anhaben, doch die Hütten der armen Fischer, Tagelöhner und Kleinbauern riss er fort.
Ida Billiones hat noch einmal Glück gehabt: Von ihrer eigenen Hütte ist nichts mehr zu sehen, doch sie rettete sich ins Haus ihrer Nachbarn. Am dringendsten fehlt es ihr und den anderen Obdachlosen an Werkzeug und sauberem Wasser. Die Welthungerhilfe hat daher mobile Wasserfilter nach Panay gebracht, mit denen 2500 Menschen vor Ort täglich sauberes Trinkwasser erhalten. Außerdem verteilt sie Pakete mit Planen, Moskitonetzen, Solarlampen und Reparaturmaterial an 5000 Familien. So können sie ihre Hütten selbst zusammennageln und die Dächer flicken.
„Die meisten Organisationen haben sich auf die besonders schwer zerstörte Stadt Tacloban gestürzt“, erzählt Birgit Zeitler, die den Einsatz koordiniert. „Darum konzentrieren wir uns lieber auf die abgelegenen Inseln Panay und Cebu.“ Die Koordination ist nicht einfach, weil über 13 Millionen Menschen im Archipel betroffen sind und die Infrastruktur fast völlig zerstört ist. Doch die erfahrene Nothelferin klingt gelassen – nach über einem Jahrzehnt in den Krisen- und Katastrophengebieten der Welt kann sie wenig schrecken. „Es ist toll zu sehen, wie pragmatisch die Filipinos mit der Situation umgehen. Sie haben sich sofort an die Aufräumarbeiten gemacht“, erzählt Zeitler. „Man merkt, dass sie seit Menschengedenken mit Taifunen leben.“ Nur bei den Jüngsten sitzt der Schock tief. „Der Regenguss bringt die Erinnerung an den Taifun zurück“, sagt Biber. „Ein Kind erzählte mir heute, wie es sich in Todesangst unter das Waschbecken quetschte, während der Taifun tobte und der Vater noch immer nicht zu Hause war.“
Zusammen mit Gemeindevorständen und der lokalen Partnerorganisation PRRM (Philippine Rural Reconstruction Movement) hat die junge Nothelferin Familien ausgewählt, die Werkzeug erhalten sollen. „Die Entscheidung fiel uns nicht leicht“, sagt Elisabeth Biber. Im Hochland erkundigte sich eine Mutter vor den Resten ihrer Hütte, ob ihr Name auf der Liste stehe. Biber musste passen: „Wir können erst einmal nur die Familien versorgen, die gar keine Hütte mehr haben und kaum Einkommen – weil sie viele Kinder, keine Jobs und keine Verwandten im Ausland haben.“ Zu ihrer Überraschung lächelte die Frau; es sei gut, dass ihre Nachbarinnen zuerst an die Reihe kämen, wo diese doch gar nichts mehr hätten.
„Bei Verteilungen kommt es sonst schon mal zu Aggressionen, wenn die Hilfsgüter nicht für alle reichen“, sagt Birgit Zeitler. So viel Solidarität wie auf den Philippinen sei ihr selten begegnet. Mal nehme ein Taxifahrer die Nothelfer kostenlos mit, mal fahre ein Ehepaar extra einen Umweg zum Flughafen, um sie abzusetzen. „Das ganze Land hilft mit Gütern, Geld und Zuspruch“, schreibt die Partnerorganisation PRRM auf ihrer Website nicht ohne Stolz. „Die Filipinos haben wieder einmal bewiesen, dass sie als Brüder und Schwestern füreinander einstehen.“
Elisabeth Biber hofft zu Weihnachten wieder zu Hause zu sein. „Ich habe schon ein Rückflugticket, aber wer weiß!“ Sie lacht. „Ich habe in den letzten Wochen gelernt zu improvisieren. Ich weiß nie, wo ich abends schlafen werde, in welchem Ort und auf welcher Insel.“ Biber ist aufgedreht vor Müdigkeit; wie immer in den letzten Wochen ist sie seit sechs Uhr morgens unterwegs, wie immer wird sie erst nach Mitternacht ins Bett fallen.
„Dafür sehen wir jeden Tag, wie sehr sich unsere Arbeit lohnt“, sagt sie. „Die Filipinos sind so dankbar, dass ihr Unglück die Welt nicht kalt lässt.“ Und doch ahnen sie bereits, dass sich spätestens im Frühling die volle Wirkung des Taifuns zeigt: Wenn die Kokospalmen nicht tragen, die Ernte auf den versalzenen Felder nicht aufgeht – und die meisten Organisationen wieder abgezogen sind. „Jetzt brauchen wir einen langen Atem“, schreiben auch die lokalen Partner von PRRM. „Wir müssen die betroffenen Gemeinden ganz neu aufbauen – und zwar so, dass wir dem nächsten Sturm besser standhalten.“

Einen schönen Animationsfilm zum Thema Welternährung gibt es übrigens hier von WissensWerte Erklärfilme.

Samstag, 2. Februar 2013

"Frightened for generations"

How the Abuelas de la Plaza de Mayo are looking for their stolen grandchildren
(published on Peace Boat website, 2/2/2013 >>)
In 2008, Catalina de Sanctis (left) discovered, that her parents were abducted, tortured and killed during the military dictatorship in Argentina. She shares this lot with 500 young adults
 "My name is Catalina de Sanctis and I regained my identity in 2008." This sentence, spoken by a young woman during Peace Boat's first meeting with the Abuelas de la Plaza de Mayo in Buenos Aires, left participants with open mouths. Seemingly simple, it summarizes the struggle of three generations in Argentina who strive to unveil the legacy of the military dictatorship, which three decades after its end still moulds Argentinian society. For the first 30 years of her life Catalina de Sanctis lived as "Maria Carolina" in the house of a former military and his wife. It wasn't until then that she found out that her alleged parents were accomplices in the murder of her real parents. Between 1976 and 1983, the Argentinian military abducted, tortured and killed at least 30,000 people who were suspected of opposing their regime. They are remembered as los desaparecidos in allusion to a statement by dictator Videla who once claimed that they had simply "disappeared". Many of the young activists had small children or were pregnant at the time of their abduction – like Catalina's mother. While her father was tortured and killed right away, her mother was kept in a secret prison during her pregnancy, only to be murdered two days after giving birth.
During the military dictatorship, the mothers of the disappeared started weekly marches on the Plaza de Mayo in central Buenos Aires. Their protests raised worldwide attention on the issue.
One of the horrors of the military dictatorship in Argentina was that children of political prisoners were appropriated by families loyal to the regime. But the oppressors did not expect the reaction of their families. "When my daughter didn't return, I started to look for her myself – as many mothers did", Estela de Carlotto told Peace Boat participants during a meeting. The president of the Abuelas de la Plaza de Mayo is a public figure in Argentina and the world; her organisation was nominated for the Nobel Peace Prize in 2008 and she regularly speaks in international conferences. Although in her eighties, she is still energetic and rhetorically versed. "Of course we were afraid, because we knew that they might also imprison us. But our love as mothers proved to be stronger." They were knocking on the doors of judges, the police and the military – first each for herself, but soon more and more organized. Since 1977 they silently circled the Plaza de Mayo every Thursday in front of the Casa Rosada (the Executive Office of the President), wearing a diaper and later a head scarf as symbols of their robbed children and grandchildren. These marches gave them the name of Madres/ Abuelas de la Plaza de Mayo and drew the attention of international media towards the issue. Peace Boat participants visited the historical square, which has been the setting for many protests and festivities since the May Revolution and Argentina's independence that took place there in 1810 and 1816.

During Peace Boat's meeting with the Abuelas de la Plaza de Mayo in Buenos Aires, their president Estella de Carlotto (centre) gave a pañuelo, one of their symbolic head scarves, to the organization – a big honour for Peace Boat
"We took special precautions" Estela de Carlotto remembers with a broad smile. "Once we met in a cafeteria and pretended to celebrate our birthdays, while we were exchanging material and information under the table. As women we were first underestimated, but we soon became more and more famous." In 1977, a group of Madres was arrested during a reunion in a church. Members of both organizations traveled all over the world to raise awareness of the human right violations committed by the regime; they were supported by exiled Argentinians and renowned NGOs like Amnesty International and the Red Cross. In 1979 the Abuelas found the first two children of desaparecidos; until today 107 young adults have regained their true identity. Within the last years, the Abuelas have developed into a large institution with more than 100 employees, comprising departments for reception, investigation and press, psychologists to attend the grandchildren and their families as well as a nation-wide DNA bank, which makes it easier to find biological relatives. "When a grandmother has found her grandchild, she usually stays with the organization" emphasizes Buscarita Roa, whose granddaughter was found in 2000 by the Abuelas. "After so many years they are all our grandchildren. We turned our grandmotherhood into a communal experience."

As a guest educator on Peace Boat, the Argentinian film maker Myriam Angueira talked about the legacy of the military dictatorship in Argentina and taught participants about Argentinian culture (photo: mate tea ceremony
Until today the Madres and Abuelas drive the struggle of civil society to end the legacy of the dictatorship. "These women awakened my political consciousness", Peace Boat's guest educator Myriam Angueira acknowledges during the exchange tour. The documentary film maker grew up in the 80s and 90s – a time, when the confrontation between neoliberal politicians, who tried to wipe out the memory of the "Dirty War", and a society deeply affected by the dictatorship led to clashes in the streets all over Argentina. With a background in advertising, she eventually turned to film making together with the collective fronteracine and started winning awards one year afterwards. "We walked into the front lines of these conflicts with a camera, feeling like Che Guevara", she remembers. In sympathy with the "piquetero" movement – workers, who blocked the streets as they were demanding their salaries – they called their style "cine piquetero", Piquetero Cinema. "20 años, 20 poemas, 20 artistas" ("20 years, 20 poems, 20 artists") was the first film she collaborated in; it portrays mothers and grandmothers of desaparecidos in the northern provinces of Jujuy and Tucumán. Whereas the film was shown in festivals all around the world, Argentina censored it until 1999, as Myriam Angueira said. "One province rejected it even longer, because its governor was among the oppressors during the dictatorship."

Pink hibiscus grows in front of the windows, behind which 5,000 people were tortured during the military dictatorship in Argentina. A Peace Boat study programme visited the "clandestine detention center" of the ESMA in Buenos Aires, now a museum

Although the dictatorship was over in 1983, its legacy continued for more than two decades – and today it is all too easy to forget. When Peace Boat participants strolled along the peaceful avenues of the former ESMA compound in Buenos Aires, the illusion of a day in the countryside was perfect. Pink hibiscus grows in front of the windows, behind which 5,000 activists have been tortured and prepared for their killing – people like Catalina de Sanctis' parents and Estela de Carlotto's daughter. They disappeared behind the iron gate and left it only once again: on the way to the Aeroparque, a military airport, where the captives were put into planes and thrown out over the Rio de la Plata. It was the largest of Argentina's 500 so called "centros clandestinos" (clandestine centres). However the whole operation hasn't been as secret as the name suggests: People were abducted in public spaces and the centre was located in a diplomatic district of Buenos Aires, surrounded by skyscrapers. "This was part of the strategy of 'state terrorism' which was meant to frighten the civil society", Myriam Angueira says. "Many people complain that young Argentinians are not as dedicated to politics as their generation is in neighbouring Latin American countries. But the experience of the desaparecidos lives on in our subconscious, it has frightened us for generations."

Two film teams documented the memorable first encounter of Peace Boat and the Abuelas de la Plaza de Mayo, a team of German documentary film makers and a local TV Channel
 Until 2007 the ESMA was inaccessible to the public and still used as a marine training centre, just as during the dictatorship. "Gracias por devolvernos la patria" is written on a panel with a picture of president Cristina Kirchner and her husband, the former president Nestor Kirchner – "thanks for giving us back our home country". It wasn't until their presidencies that civil society organizations like the Madres and the Abuelas succeeded in their demands to transform it into a memorial space and a museum. Equally the victims had to wait until 2004 before the first oppressors were tried in court. Many have passed away in the meantime without ever being called to account. 400 young adults still continue to live with the lie that the dictatorship has burdened upon their identity. "In 2007 I saw a spot of the Abuelas on television" Catalina de Sanctis remembers. "I was always daydreaming that I might have been adopted, but when I saw this spot, the illusion turned into a certainty. I didn't ask but told my appropriator right away: 'I am the daughter of disappeared, right?'" Today she clearly takes distance from the military couple that has raised her. "But it was a hard process", she reckons. When in 2007 a judge visited her to ask her to do a DNA test, she impulsively fled the country, before she finally decided to come back. In 2010 she found her real family. "I recognized myself in them and understood why I am how I am" she says. "Brainwashing and cutting the roots of a child has nothing to do with love, but with egoism. Why would they have love for a child who is the offspring of people that they tortured and murdered?" With the help of the Abuelas, she has taken her case to court and is currently awaiting the decision. "I was impressed by the love and commitment of the mothers, but the testimony of the granddaughter left an even greater impression upon me" says 23 year old Hayashi Yuuka after the exchange tour. "I wondered what I would feel and how I would react in her situation." Today the first grandchildren started to collaborate at the Abuelas organisation; they will continue to lead the investigation when the last Abuela passes away. "The power and courage of our children is what has inspired us during all these years", Estela de Carlotto said. "My daughter Laura was 23 years old, pregnant, and well aware that she was risking her life while struggling for a better future. I have been trying to learn from her example." She won't give up until she finds her grandson, who is 34 years old today and has no idea that his real name is Guido de Carlotto.

Dienstag, 14. Februar 2012

Camila Vallejo - das Gesicht der Revolte

Sie brachte 1,5 Millionen Chilenen auf die Straße, der britische Guardian kürte sie zur „Person des Jahres 2011“ und in Chile ist sie beliebter als der Präsident: Die Rede ist von Camila Vallejo, der 23-jährigen Geografiestudentin aus Santiago de Chile, die im letzten Jahr die chilenischen Studenten- und Arbeiterproteste anführte. Auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft tourte sie gerade mit einer Delegation durch Europa, wo sie Studenten und Gewerkschaftlern das Revoltieren lehrte.
(gesendet bei DRadio Wissen am 13. Februar 2012, der Beitrag ist hier nachzuhören >>)

Dienstag, 31. Januar 2012

Auf die Plätze, fertig, lies!

Den Geschäftsbericht im Taxi, den Ulysses in der Mittagspause, diesen Text in einer Minute – wie viel Zeit wir sparen könnten, wenn wir nur schneller lesen würden! Keine Utopie, versprechen Lesetrainings. Selbstversuch einer Skeptikerin.

(veröffentlicht in der Welt, in der Welt Online >> und in der Berliner Morgenpost vom 29. Januar 2012)

Donnerstag, 5. Januar 2012

Der Diktator nebenan

Weißrussische Opposition in Vilnius



Weißrussland ist die letzte Diktatur in Europa, die litauische Hauptstadt Vilnius nur 40 Kilometer von der Grenze entfernt. Weißrussische Bürgerrechtler nutzen Vilnius als Zufluchtsort und Schaltzentrale – doch völlig sicher fühlen sie sich nicht. Die litauische Präsidentin pflegt gute Kontakte zum weißrussischen Despoten.


(veröffentlicht in sechs Sprachen im Europamagazin Cafebabel.com vom 5. Januar 2012 >>)

Mi vecino el dictador

El activismo bielorruso en Vilna

Bielorrusia es la última dictadura de Europa y la capital lituana está tan solo a 40 kilómetros de la frontera. Los defensores de los derechos civiles bielorrusos utilizan Vilna como lugar de refugio y centro de operaciones - pero no se sienten completamente seguros: La presidenta lituana mantiene la buena relación con el déspota bielorruso.

(publicado en seis idiomas en la Revista Européa Cafebabel.com el 5 enero 2012, traducción española por Cristina Cartes >>)

Mon voisin le dictateur

L’activisme biélorusse à Vilnius

La Biélorussie est la dernière dictature d’Europe, mais la capitale lituanienne n’est qu’à 40 kilomètres de la frontière. Les défenseurs des droits civils biélorusses utilisent Vilnius comme lieu de refuge et centre d’opérations – mais ils ne se sentent pas complètement en sécurité. La présidente lituanienne entretient de bons rapports avec le despote biélorusse.

(publié en six langues au Journal Européen Cafebabel.com le 5 janvier 2012, traduction française par Sophie Ehrsam >>)

The dictator next door

Belorussian activists in Vilnius

Belarus is Europe's last dictatorship, but the Lithuanian capital Vilnius is located close to the border. Belarusian human rights campaigners use Vilnius as an asylum and distribution centre - yet they don't feel completely safe. The Lithuanian president keeps up a good relationship with the Belarusian despot

(published in six languages in the European Magazine Cafebabel.com on January 5th, 2012, English translation by Annie Rutherford >>)

Donnerstag, 24. November 2011

Zwischen Studio und Konzerthaus


Fotos und Text von mir, veröffentlicht am 20. November 2011 in der Berliner Morgenpost (online hier >>)

Montag, 24. Oktober 2011

Nomaden mit Elterngeld

Was machen Weltenbummler, wenn sie plötzlich zu dritt sind? Nun, weiterreisen: Ein deutsch-polnisches Journalistenpaar nutzte das Elterngeld für einen Roadtrip ums Schwarze Meer. Das zweite Kind führt sie jetzt nach Mittelamerika
(veröffentlicht in der Sonntaz vom 22./23. 10.2011 und auf taz.de (mit interessanter Diskussion in den Leserkommentaren) >>)


Mittwoch, 22. Juni 2011

Messages into the void

Carceral states like North Korea represent some of the last information vacuums on earth as activists risk a lot to offer an alternative view to state propaganda. Even the quest for freedom in the Arab countries didn't go unnoticed behind the fences of Kim Country.

(published in Orange Magazine, June 2011 >>)



”How could you criticize our Dear Leader?“

It was this sentence, spoken in a small restaurant in a Chinese town bordering North Korea, that changed Tae Keung Ha's life. The young man had just run into a group of teenage refugees begging at a marketplace and had spontaneously invited them to eat a meat stew. But although they were very hungry, they could only sip the soup. “We have never had meat in our lives,“ they said. “We cannot digest it.“

When Ha started criticizing Kim Jong-il for depriving them and their fellow citizens of basic human needs, the teenagers put down their spoons, indignantly: “How could you...?”

Globalization, with its virtues and vices, has conquered nearly all parts of the world, allowing worldwide friendships as well as global drug and weapon trade. But a handful of countries still try to seal off their citizens from these tendencies. Undoubtedly the most shielded among those carceral states is the hereditary dictatorship of North Korea.

But things are changing, even in the self-proclaimed “Juche” (self-reliant) State—and South Korean activists like the 43-year-old Ha play an important part in that. Upon his unforgettable encounter with the young North Koreans, Ha founded the Open Radio for North Korea in 2005, broadcasting from Seoul to North Korea. His programming is diverse, ranging from world news to South Korean soap operas and greetings from South Koreans to their family members in the North.

After six years, Tae Keung Ha now has 20 full-time staff journalists working with him in Seoul as well as six correspondents in North Korea, all situated less than ten kilometres from the Chinese borders. That location is no coincidence: They use Chinese mobile phones for transmitting their reports to Ha's Open Radio, but these phones only work close to the border. Being a correspondent at Open Radio is a dangerous job: If they are caught, they will almost certainly be sent to one of the North Korean prison camps where approximately 200,000 people are kept. Chances for survival according to Amnesty International are estimated at 60 per cent.

Even Tae Keung Ha is not entirely safe: He believes that the North Korean government could easily send its secret service to let him disappear. “But I don't think they will harm me,“ he says. ‘They would be associated with terrorism as a consequence, which would provoke international intervention. Kim Jong-il is aware of that. Unlike their inferiors, the regime is well-informed about world politics.”

Tae Keung Ha smiles confidently, like a person who has seen enough in his life to no longer be afraid. Ha has been imprisoned for two years in his early twenties, while fighting against the former South Korean despot Chun Doo-hwan. “I cannot shut up—I think I was born an activist!“

But given the dreadful sentences, who dares to listen to his radio? When talking about his audience, Ha looks into the void, recalling numbers and abstracts: “According to our surveys, about one-fourth of the 24 million inhabitants have access to radio receivers, and four percent have already listened to foreign programs.“

Ha clings to these however uncertain facts about the most impenetrable country on earth. In dealing with North Korea, most people rely on speculations, and questioning one's own methodology has become essential: Are refugees sufficiently balanced sources? And how can NGO workers and journalists differ between true life and Potemkin villages? Even Ha, who has devoted his life to his neighbours behind the heavily militarized border, has never been to North Korea. Kim Jong-il would never let him in.

Unlike Karen Janz, a rural development consultant who is one of the few foreigners who can claim to actually know North Korea: From 2005 to 2010, she led the office of the German aid organisation Welthungerhilfe in Pyongyang. “Certainly, the leaders always knew where I was and what I was doing,” she says. “With only around 50 foreigners in the country, it’s easy.“

But once Janz and her organisation enjoyed the authorities' confidence, she was allowed to travel to the countryside on her own. And much of what she tells contradicts everything we believe to know about the country. “North Korean people are extremely well-educated, they have a great sense of humour and like to flirt,“ Janz shares. “And they are better informed than we think, even without access to the Internet.“ In a sauna in Pyongyang, Janz once met a 15 year-old girl who asked her: “Do you prefer Keanu Reeves or Brad Pitt?”

In fact, North Koreans seem to know a lot more about the world than we can grasp about their country. Security measures for foreign journalists are rigid, whereas information technology no longer presents an insurmountable border for North Koreans as Tae Keung Ha's Open Radio shows. Unlike most of the ten other radios broadcasting into North Korea, many of which are run by the Seoul government, private or religious groups, Ha's radio is independent. “Personally, I would wish the Koreas to be reconciled one day, like Germany after the Cold War,“ he admits. “But this must be entirely up to the North Koreans. When their country becomes free, they will have to take their own political decisions—probably for the first time in their lives.“

But when will this first time be? When Ha was reporting on the Arab revolutions in spring, his hopes were flying high. A correspondent told him that a similar uprising might also happen in North Korea; not right away, but possibly after the death of 70-year-old Kim Jong-il.

In the meantime, hundreds of families hope to be reunited before their death. Recently a man in his sixties came into Ha's editorial office to produce a one-hour radio show all by himself. He dedicated it to his father in the North whom he hadn't seen for decades, hoping that the old man was still alive to draw hope from his greetings. ||


The Koreas
North Korea is a single-party-state with an elaborate cult of personality around the Kim family. Korea was devided in 1945, after having been occupied by the Japanese since 1910. Border conflicts led to the Korean War from 1950 to 1953. The relative peace has since regularly been interrupted by assassination attempts on South Korean leaders and border skirmishes, most recently in 2010 when the Pyongyang regime attacked the South Korean island of Yeonpyeong.

Closed Societies
Not all societies that remain closed against the outdoors violate human rights. Societies isolate themselves for different reasons, to different extents and not necessarily enforce this upon their people: Carceral States like North Korea, Burma or Cuba obviously have few in common with voluntary forms of isolation practiced by Gated Communities or uncontacted tribes in the Amazonian.

Montag, 28. März 2011

Freiheit zu verkaufen

Die Dotcom-Avantgarde des 21. Jahrhunderts sucht ihr Glück nicht mehr im Wilden Westen oder auf der Route 66, sondern auf der Hohen See. „Seasteads“ heißen die schwimmenden Kolonien, auf denen der Amerikanische Traum noch möglich scheint.

(veröffentlicht im ARTE-Magazin, April 2011 >>)





Ein letzter Blick zurück aufs Land, mit seinen Städten und Straßen, Verboten und Vorschriften. Vor ihnen liegt die Freiheit, das neue Grenzland – das Meer! Die Sonne brennt, die Gischt spritzt und am Horizont treibt eine bizarre Struktur: Clubstead, ihr neues Zuhause, der Vorposten einer neuen Zivilisation. Sie werden die Wahl haben, nicht zwischen Politikern, sondern zwischen Tausenden Plattformen. Ihre Pässe liegen schon auf dem Meeresgrund; sie sind keine Bürger mehr, sondern Kunden. The future is wide open.
Dieser Traum führte sie im Oktober 2008 in einem Konferenzraum zusammen: 50 Dotcom-Pioniere aus dem Silicon-Valley, die ihr Geld bislang mit virtuellen Revolutionen verdienen. Doch warum mit dem Cyberspace begnügen, wenn es auch größer geht? „In diesem Raum ist eine Menge guter Verrücktheit versammelt“, rief der ehemalige Google-Ingenieur Patri Friedman ihnen zu. „Für eine neue Zivilisation ist das noch nicht genug. Aber es ist ein Anfang.“
Die kalifornischen Thirtysomethings wollen ausbrechen, doch sie wissen nicht wohin. Der Wilde Westen gehört 150 Jahre nach den Siedlertrecks längst den Geflügelfarmern und die Route 66 den Seniorenreisegruppen. „Die USA waren mal ein Vorbild, aber das ist lange her und die aktuelle Regierung will sich offenbar noch weiter davon entfernen“, schrieb Friedman drei Monate nach Obamas Wahl zum Präsidenten, dessen Gesundheitsreform libertären Denkern ein Dorn im Auge ist. Und so wandert der Amerikanische Traum auf den Pazifik aus; 200 Seemeilen vor den Küsten beginnt nach UN-Recht jene Freihandelszone, von der sich die Seasteader so viel versprechen: Freiheit von staatlicher Kontrolle, Steuern und überkommenen Gesellschaftsmodellen.
Doch die Freiheit der ersten Jahre ist nur so groß wie ein Fußballfeld: Bis 2015 sollen die ersten 200 Siedler eine 120 x 120 Meter große Plattform in der San Francisco Bay beziehen und ihre eigenen Gesetze aufstellen. Wirtschaftlich sollen Seasteads vor allem Standortvorteile nutzen: von Aquafarming über Casinos bis Organhandel ist alles denkbar.
Die Idee ist so alt wie die Menschheit: In Südostasien leben bis heute staatenlose Seenomaden, die nur gelegentlich an Land kommen. Jüngere Versuche libertärer Exzentriker überlebten dagegen oft kaum die Jungfernfahrt und böten genug Stoff für mehrere James-Bond-Filme: Legendär, wie das Hotelschiff „Operation Atlantis“ mit den Kanonenbooten des haitianischen Diktators „Papa Doc“ Duvalier aneinander geriet und in einem Hurrikan sank. Oder wie ein Immobilienmogul aus Las Vegas 1971 die „Republik Minerva“ auf Korallenriffen errichtete – und dem König von Tonga weichen musste. Sagenhaft auch die Geschichte des paranoiden Piratenfunkers, der als „Fürst von Sealand“ jahrelang auf einer verlassenen Radarplattform vor der britischen Küste ausharrte – bis er es nicht mehr aushielt und aufs spanische Festland zog.
Doch das „Seasteading Institute“, das Friedman 2008 gründete, ist kein Wolkenkuckucksheim; der ehemalige Programmierer baut nicht auf Nullen und Einsen, sondern auf Stahl und Beton. Mit Juristen, Ingenieuren und Ökonomen arbeitet er an konkreten Problemlösungen. Gerade hat er sein Angestelltenteam von fünf auf zehn verdoppelt, da sucht er schon Ghostwriter für ein Seasteading-Buch, das noch in diesem Jahr in den USA erscheinen soll. Diesen Boom verdankt das Institut vor allem Peter Thiel, dem deutschstämmige Gründer des Bezahldienstes Paypal, der eine halbe Million US-Dollar spendete. Nicht ganz uneigennützig: Eine schwimmende Steueroase käme dem Milliardär sehr gelegen.
Wer die Seasteading-Bewegung verstehen will, muss erst einmal Patri Friedman verstehen – für einige einfach ein Spinner, für andere der „sexiest geek alive“: Der 34-Jährige strahlt noch im knallengen Leopardenshirt einen Rest von Würde aus. Er lebt in einer polyamourösen Ehe, fährt eine „FRRREAK“-Plakette durch San Francisco und archiviert seine zehn Jahre alte Homepage zu „historischen Zwecken“. Um so überraschender seine Zurückhaltung am Telefon. „Fünf Minuten“, schärft seine Assistentin ein, Friedman gibt sich einsilbig. Kritische Fragen tut er mit einer rhetorischen Handbewegung ab: Er werde ja nicht der Boss aller Seasteads. Und ohnehin habe alles noch viel Zeit.
Der Friedman-Enkel steckt in einem rhetorischen Dilemma: Einerseits muss er konkrete Pläne präsentieren, um Investoren anzulocken, andererseits vage bleiben, um Kritik zu vermeiden. Und so erzählt er Journalisten von Öko-Gemeinschaften auf hoher See und seinem Sohn Tovar, der sich auf die Unterwassertiere freue. Doch im Institut klingt er ganz anders: Die Demokratie ist für ihn eine „romantische Idee“, eine Diktatur womöglich die bessere Alternative - „vorausgesetzt, man ist frei zu gehen“. Für Inselromantik ist in seinem anarcho-kapitalistischen Denken kein Platz: Die Pioniere sind „Kunden“, jeder Staat ein „Unternehmen“, die schöne neue Welt bloß ein „Start-Up“.
Das Träumen überlässt er anderen: „Ich möchte segeln, nicht bloß treiben“, sagt Marko Järvela und lauscht in die Stille zwischen seinen Worten. Der Architekt aus dem estnischen Talinn hat in monatelanger Arbeit ein Modell für eine Seastead ausgeklügelt, die wie ein geflügelter Drachen vor dramatischem Licht schwebt. Beim Architektur-Wettbewerb des Seasteading-Instituts gewann die Idee des 47-Jährigen den Preis für die beste Ästhetik: 250 US-Dollar. Doch der Auftrag für die Entwicklung war da schon vergeben; Friedman brauchte vor allem wirksame Bilder.
Dass sich der Seasteading-Chef mit einer „persönlichen Assistentin“ umgibt, verwundert kaum – wohl aber, dass sie sich am Telefon als erklärte Feministin vorstellt. Wie kommt ausgerechnet sie an einen Chef, der auf seinem Blog über die Vorzüge der traditionellen Arbeitsteilung zwischen (männlichen) Pionieren und (weiblichen) Nesthüterinnen philosophiert? Brit Benjamin winkt ab. „Das Institut öffnet sich gerade zu allen Seiten“, glaubt die 21-Jährige, die das „Patriarchat des Systems“ abschaffen will – und dafür ein paar patriarchalische Nerds in Kauf nimmt. Streit? Diskussionen? „So etwas gibt es unter den Seasteadern nicht, weil wir frei von Ideologien sind.“
Dabei schwebt über der gesamten Bewegung die Ideologie des Libertarismus, die Friedman quasi geerbt hat: Sein Großvater, Nobelpreisträger Milton Friedman, wollte fast alle staatlichen Aufgaben privatisieren lassen; sein Vater David fantasierte schon über die Abschaffung des Staates zugunsten eines totalen Kapitalismus. „Die beiden schrieben“, sagt der Enkel nur, „aber es ist ziemlich naiv zu glauben, dass man damit etwas erreichen kann. Ich will lieber etwas tun.“
Doch dann schrieb auch Friedman junior junior erst einmal ein Buch: Sein „Practical Guide To Homesteading The High Seas“ liegt irgendwo zwischen Henry D. Thoreaus Blockhüttenroman „Walden“, oberflächlicher Kulturgeschichte und akribischem Businessplan. Auf alles gibt er eine pragmatische Antwort: Seepocken abwehren? „Mit schwach chloriertem Wasser besprühen.“ Fremde Flotten abwehren? „Schiffsabwehrraketen wie die C-201 sind recht billig und ziemlich effektiv." Sätze wie Warnschüsse.
Dem Buch zufolge sollte schon in diesem Jahr der erste Mensch aufs Meer hinaus ziehen, 2034 eine Großstadt und in hundert Jahren „mindestens“ eine halbe Milliarde Menschen. „Google hat meine Maßstäbe dafür geprägt, wie schnell etwas wachsen sollte“, erklärt Friedman. „Wenn wir eine Seastead bauen, ist auch Platz für Tausend.“ Nach den wohlhabenden Pionieren, die 2000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche bezahlen können, will Friedman auch Flüchtlinge ansprechen, die legal auf den Seasteads leben und in Fabriken arbeiten könnten.
Ozeankolonien als Lösung der Krisen des 21. Jahrhunderts – die Idee klingt verlockend, zumal laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) bis zur Jahrhundertmitte 200 Millionen Menschen allein durch den Klimawandel heimatlos werden. Doch die Menschheit lässt sich nicht verpacken und einschrumpfen wie Google-Server. Wovon sollten die Migranten ihre Reise bezahlen? Und wer verhindert, dass sie auf den Plattformen versklavt werden? Jürgen Knirsch von Greenpeace ist alarmiert: „Ich halte das politische Gedankengut dieser Bewegung für überaus gefährlich. Für die Krisen unserer Zeit brauchen wir dringend weltweite Übereinkünfte, aber diese modernen Piraten wollen sich nur selbst die Rosinen herauspicken. Ihre technologische Gigantomanie würde den Klimawandel und die Ernährungskrise nur verschlimmern.“
Doch vielleicht wird es dazu gar nicht kommen: Die meisten Seasteader sind Großstädter, die nie die Enge eines kleinen Dorfes erlebt haben. Selbst Patri Friedman will erst aufs Meer ziehen, wenn die Seesiedlungen groß genug sind – vorher würde seine Frau sich langweilen. Ein Kajak-Ausflug des Instituts fiel wegen "heftigen Windes" ins Wasser, ein Hausboot-Festival wegen hoher Risiken - die Versicherung wollte nicht bürgen. Möglicherweise wird ihr Traum an einfachen Naturgesetzen zerschellen.

Revolution an der Graswurzel - Bürgerjournalismus im Netz



Bürgerjournalisten - viele professionelle Medienmacher schmähen sie als "digitale Umweltverschmutzer", sie selbst sehen sich als "Fünfte Säule der Demokratie". Medienprojekte wie InsightShare oder Rising Voices glauben an die beste aller möglichen Welten: Eine Welt, in der die Entrechteten ihre Stimme erheben und die Landlosen sich eine Parzelle auf dem "sechsten Kontinent" abstecken. Wie Keidy und Rezwan, die sich virtuell engagieren und dafür ganz real bedroht werden.

Filmstill: Keidy zeigt Dorfbewohnern ihre Arbeit, InsightShare, CC-by-nc-nd 2.0


Im März 2011 wurde mein Text (in der englischen Übersetzung) auf der Shortlist des
Minority Voices Young Journalism Award ausgezeichnet; nachzulesen ist die Reportage auf Einloggen13, dem mit heißer Nadel gestrickten Online-Abschluss-Magazin der Ev. Journalistenschule (Juni 2010) >>

Montag, 7. Februar 2011

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Unternehmerneffe Sebastian Koeppel übernimmt die Saftkelterei Beckers Bester in schwierigen Zeiten - eine Zerreißprobe zwischen Tradition und Markt
(veröffentlicht in der Welt am Sonntag, 02/2011 >> und Online >>)

Sonntag, 6. Februar 2011

Ohne Auto mobil

Die Kinder der „Generation Golf“ steigen nicht in den „E-Golf“ um, sondern aufs Fahrrad

veröffentlicht als EPD-Feature am 5. Februar 2011 >>, abgedruckt in der Main-Post/ Main-Echo am 9.2. >> und den Grafschafter Nachrichten am 15.2. >>

for an application I did a shortened English translation of this text >>

Die erste „Familienkutsche“ der Heineckes hatte fünf Räder und nicht mal ein PS: Gabriele Heinecke fuhr auf dem Fahrrad vorneweg, die größte Tochter rollte im Nachläufer mit und die beiden Kleinen ganz hinten im Fahrradtransporter. Ein abenteuerliches Gefährt, auf das Freunde und Nachbarn in Osnabrück mit Kopfschütteln reagierten: „Wollt Ihr immer noch kein Auto?“
Wer sich bewusst gegen ein Privatauto entscheidet, gehört noch zu einer Minderheit. Doch das könnte sich bald ändern. Im Jahr 125 nach Benz steht das automobile Zeitalter vor einer entscheidenden Wende: Die Erdölvorräte gehen zuneige, der Verkehr verantwortet ein Viertel aller Treibhausgase und das Auto, wie wir es kennen, ist für junge Stadtbewohner nicht mehr sexy. Die Kinder der „Generation Golf“ steigen um – fragt sich nur, worauf?
Als Toyota vor genau zehn Jahren das erste Hybridauto auf den deutschen Markt rollte, schien die Antwort klar. „Die Zukunft atmet auf“, lautete der selbstbewusste Slogan für die Mobilität aus der Steckdose. Doch was in den USA zu einer hollywoodreifen Erfolgsgeschichte wurde – Stars wie Leonardo DiCaprio und Cameron Diaz fahren zur Oscar-Verleihung mit Hybridautos vor und eine halbe Millionen US-Amerikaner hinterher – ist in Deutschland eine Nische für superreiche Zweitwagenbesitzer geblieben. Ein Jahrzehnt nach seiner Einführung fahren laut Kraftfahrt-Bundesamt gerade einmal 30.000 Hybride und nur 1.500 reine Elektroautos über deutsche Straßen, zwischen 42 Millionen Ottonormalverpestern.
Mithilfe einer 500-Millionen-Euro-Subvention aus dem Konjunkturpaket II soll auch Deutschland bei der Entwicklung von E-Autos aufholen. Greenpeace-Verkehrsexperte Wolfgang Lohbeck hält das für einen Irrweg: „So lange der Strom aus Kohlekraftwerken kommt, sind auch E-Autos CO2-Schleudern“, warnt er. Außerdem sei ihre Entwicklung zu teuer und zu langsam angesichts des EU-Ziels, die Emissionen bis 2020 um 20 Prozent zu reduzieren.
Den „Elektrohype“ hält Lohbeck für ein Alibi, um weiterzumachen wie bisher: Mit privaten Autos, die täglich 23 Stunden herumstehen. Mit Motoren, die für Höchstleistungen auf der Autobahn ausgelegt sind. „Aus ökologischer Sicht sind das Fehlkonstruktionen, deren Probleme durch Elektroautos keineswegs gelöst werden", kritisiert er. Den Beweis für seine Theorien parkte Greenpeace 1997 erstmals auf der Automesse IAA: das umgebaute Serienauto „SmILE“ (Small, Intelligent, Light, Efficient), das bei gleicher Leistung nur die Hälfte des Sprits verbraucht. Doch anstatt den sparsamen SmILE nachzubauen, nutzte VW beim Golf VI dessen Technik der Hochaufladung, um die Leistung zu verdoppeln. Eine bittere Erfahrung für Greenpeace.
Noch immer leisten sich neun von elf Haushalten einen Pkw und geben für ihr „liebstes Kind“ durchschnittlich 269 Euro im Monat aus, mehr als einem Kind von Hartz-4-Empfängern zusteht. Doch Autofahren hat nichts Triumphierendes mehr; es ist zur lästigen Pflicht derer geworden, die in den Achtzigern vom Eigenheim träumten – im suburbanen Grün, mit Doppelgarage und Pendlerpauschale, weit weg vom öffentlichen Verkehrsnetz. Nur die Autoindustrie wirbt weiter unbeeindruckt mit „Freiheit“ und Geschwindigkeit.
„Die Reurbanisierung macht das Auto zunehmend entbehrlich“, sagt Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel von der Universität Kassel. „Die autozentrierte Mobilität hat ihren Höhepunkt bereits überschritten.“ Erste Anzeichen für einen Paradigmenwechsel sieht er auch bei seinen Studenten: „Viele haben erst einmal kein Geld für ein Auto, entdecken das Radfahren als den wahren Luxus und bleiben dabei.“ Auslöser sei oft eher Pragmatismus als eine Orientierung an Lebensstilmodellen wie „Downshifting“ oder „Loha“ (Lifestyle of Health and Sustainability).
Wenn Greenpeace-Experte Lohbeck beobachtet, wie spielerisch seine Kinder zwischen verschiedenen Kommunikationsmitteln wechseln, steht ihm die Mobilität der Zukunft klar vor Augen: „Wir werden uns je nach Situation passende Verkehrsmittel aussuchen und sie mit demselben Tarifsystem bedienen. Das Besitzen eines einzelnen Fahrzeugs wird immer unwichtiger.“ Die Osnabrücker Musikerfamilie Heinecke lebt dieses Modell schon heute: Zum Einkaufen laden sie den Radanhänger voll, für Ausflüge leihen sie sich ein Stadtteilauto und in den Urlaub geht’s mit der Bahn. Mehrere Hundert Euro spart die Familie im Monat so – und viel Stress, glaubt Gabriele Heinecke. „Wir unternehmen weniger als Familien, die mal eben hierhin und dorthin flitzen. Aber was wir machen, genießen wir.“