Posts mit dem Label - Reiseberichte - werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label - Reiseberichte - werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 25. Januar 2012

Astana: Megalopolis in der Steppe



Worshipping the President
Kazakhs place their hand in the gilden print of all-time-president Nursultan Nasarbajew (since 1990) as a sign of veneration and loyalty. This picture was taken in the Bayterek Tower in the new capital Astana few days after the presidential elections in January 2012 in which the presidential party won 81 % of the votes.


Montag, 24. Oktober 2011

Nomaden mit Elterngeld

Was machen Weltenbummler, wenn sie plötzlich zu dritt sind? Nun, weiterreisen: Ein deutsch-polnisches Journalistenpaar nutzte das Elterngeld für einen Roadtrip ums Schwarze Meer. Das zweite Kind führt sie jetzt nach Mittelamerika
(veröffentlicht in der Sonntaz vom 22./23. 10.2011 und auf taz.de (mit interessanter Diskussion in den Leserkommentaren) >>)


Samstag, 22. Oktober 2011

Bäche stauen, Blödsinn machen

In einer Hannoveraner WG gründete Uli Mühlberger 1987 den ersten Veranstalter für Familienreisen in Deutschland, vamos Reisen. Ein Gespräch über Elternstress, Kinderquatsch und die neue Lust am gemeinsamen Alltag
(veröffentlicht auf
taz.de vom 22./23. 10.2011 >>)

Samstag, 10. September 2011

Wein aus Plastikschläuchen - der Kultweg GR 20 auf Korsika

Schon diese Namen: Felsenkessel der Einsamkeit! Loch des Teufels! Der Wanderweg GR 20 führt auf alten Hirtenpfaden durch die Gebirgslandschaft der französischen Mittelmeerinsel Korsika. Auf dem Hauptkamm des Zentralmassivs begegnen wir Touristen in Trainingscamp-Stimmung, störrischen Bäumen, Fels gewordenen Mythen und Wein in Plastikschläuchen.
(veröffentlicht im tapir-Blog, 09/2011 >>)


Dienstag, 6. März 2007

Suomi

Turku mit seinem vereisten Fluss, seiner Sowjetarchitektur und den ewiglangen finnischen Leuchtreklamen ("Kauppatorihuamäri...") wirkt auf mich dezent exotisch. Kein Vergleich mit dem modernen und mondänen Stockholm auf der gegenüberliegenden Seite der Ostsee, wo auch ich noch das meiste verstehe.
Bei zweistelligen Minusgraden sind wir letzte Nacht über eine Brücke auf eine der Schäreninseln hinausgeradelt und haben dort auf einer Landzunge namens 'Kuuva' gezeltet. In weiter Ferne eine gewaltige industrielle Geisterstadt aus orangem Licht. Davor die Schollen der überfrorenen Ostsee, zwischen denen alle paar Stunden in majestätischer Stille eine Stockholmfähre dahingleitet, kaum 100 Meter von uns entfernt. Die gleiche, die uns eine Nacht später zurückbringen soll. Unendlich weit entfernt erscheint das von unserem Überwinterungsabenteuer. Zum ersten Mal übernachte ich in einem Zelt, das langsam in den tiefen Schnee einsackt. Was wir nicht in unseren Schlafsäcken hatten, ist am Morgen steif gefroren und eiszapfenbehängt. Die erste Lektion des Winterzeltens schmerzt an Fingern und Zehen.
Doch in der Morgendämmerung verlieren die zackigen Schollen alles Bedrohliche der Nacht und leuchten hellblau auf. Und die ersten Strahlen der Sonne tragen meine Erinnerung an einen sehr entlegenen Ort zurück: Am Morgen vor der Ankunft in Buenos Aires hatte ich nach zehnstündigem Flug diagonal über den Atlantik aus dem Fenster geschaut - just in dem Moment als unter dem Flugzeug die Küste Brasiliens im flüchtigen Rotlila des Morgens aufschimmerte, zwischen einer Decke aus Wolken statt aus Eis.

(noch ein Suomi-Kuriosum: "Uusikaupunki bald ohne Porsche", taz-Kolumne von Ines Kappert, 8.7.09 >>)

Mittwoch, 10. Mai 2006

"Differenz der Ortszeit zu Berliner Zeit: 10 Minuten"


... steht in abgeblätterter Altdeutscherschrift an der Wand des Bahnhofgebäudes in B. Für den Sonnenstand mag das ja gelten, doch in Bezug auf das Bewusstsein der indigenen Bevölkerung Westfalens beschönigt das Schild doch sehr. Zehn Minuten! Schön wär’s! In meiner Heimat, dem Land der Lokalzeitungen, Zweitbücher, Bahnangestellten und Vereinsmeister, verspäten sich Gedanken und Erkenntnisse auch schon mal um zehn oder gar 100 Jahre. Sicherlich, die CeBIT findet keine 100 Kilometer von hier statt und mit dem Güterzug aus Hamburg rollen hier jede Woche Waggons mit chinesischen Schriftzeichen über die Gleise, voller Handys und Digitalkameras für diesen entlegenden Winkel zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. So lange man auf seiner Scholle sitzt und in der WHO, so lange man Konsument von Kinderarbeit und fremden Patenten bleibt und die anderen die Arbeit machen, kann man den Anschluss ja gar nicht verpassen! Die Hochschulen um die Ecke entlassen schweigsame Studenten ins Land, die sich vor dem Drei-Wort-Satz-Gewummer hinter ihre Kopfhörer verziehen und sich weit weg träumen...

Kleinigkeiten sind es, die mich auf der Zugfahrt zwischen L. und G. berühren, die unerwarteten Gesten mitten im erwartungsgemäßen Alltag: Da liegen drei Erdbeerkisten auf einem abgeernteten Feld, wohl vom Hochwasser angespült; da ist eine Gruppe Pfadfinder, die sich tatsächlich über Knotentechniken unterhalten und in einem Leben außerhalb ihrer Kluft gar nicht vorstellbar sind; und da sind die angetrunkenen Kegelfrauen, die wohl vor Jahren beschlossen haben, der Welt zu trotzen, indem sie gemeinsam graue Haare, große Hüftringe und harmlose Gedanken ansetzen. Wie sonst sollte man sich in der Lautstärke so lange und so laut über die Ausstiegrichtung unterhalten können?
Und dann plötzlich, als wolle es der Landgesellschaft einen Hauch von Exotik und Multikulti demonstrieren, taucht ein einsames Rehkitz im Unterholz auf. Doch als wir uns gar nicht höflich benehmen, als wir nicht grüßen, als wir polternd und stinkend eine Handbreit an ihm vorbeifahren, schaut es uns verschreckt an, als habe es seinen Auftritt bereut. Die Natur ist das Unnatürlichste und Unerwartetste, das man sich auf dieser Fahrt über Land in Gesellschaft der Handykinder und Kegelfrauen vorstellen kann.
Wie könnte mich das kalt lassen; die Palette an grünen und grauen Schattierungen, die Zickzackmuster, die der Regen auf der Scheibe hinterlässt und die an ihr Gegenteil, an Sonnenstrahlen erinnern, des weiteren an tropisches Klima und Andenpfade. Doch so sehr mich das alles beglückt und bewegt, so fehlen mir doch die Worte, es zu beschreiben. Zu banal scheint alles, die Antworten höre ich bei jeder Beobachtung schon mit. Zu wissen ist etwas anderes als zu sehen, erstmals zu sehen. Vielleicht bleibe ich auch in meiner ‚Heimat’ immer nur Durchreisende und Beobachtende.

Dienstag, 26. April 2005

Sorrache und ein Lebenszeichen!

Wie schnell hier die Zeit vergeht - und wie langsam die Erinnerung. Jeden Morgen laufe ich auf meinem Weg zum Goethe-Institut an einem grossen Mural vorbei: "¿Cuánto tiempo más vas a estar esclavizado refugiado en tu soledad? Ojalá: vida!" - "Wie lange noch wirst Du Dich zurückziehen und Sklave Deiner Einsamkeit bleiben? Hoffe aufs Leben!" Vor einem Monat noch habe ich nicht gemerkt, dass diese Hauswand aus der Seele aller Porteños spricht, wie tief die Melancholie dieser immer lachenden Menschen ist, deren Land soeben aus einer ganzen Epoche von Diktaturen und Wirtschaftskrisen aufgetaucht ist, heute 35 % Arbeitslose, keinerlei Sozialversicherung und 30.000 "Verschwundene" hat, deren Mörder freigesprochen wurden...
Als ich das Mural zum ersten Mal las, fühlte ich mich selbst auf eine so eigenartige Weise angesprochen, dass ich mich sogleich umdrehte als suchte ich denjenigen, der mir diese Botschaft hinterlassen hatte. Erwartete ich einen glasäugigen Propheten, der mir rätselhafte Sinnsprüche auf meine Odyssee mitgibt? Bis auf ein paar Plastiktüten, die geisterhaft um die Ecke wehten, war die Strasse jedenfalls leer. Erst als ich begann, das Mural abzuschreiben, bemerke ich plötzlich einen alten Mann auf der Türschwelle direkt hinter mir, der alles gesehen hatte und mir zunickte: "Du willst es wohl nicht vergessen, oder?" Ich konnte es nicht vergessen: Dass ich hier Kopf stehe, dass die Naturgesetze und meine Erinnerungen jetzt nichts mehr gelten... Es war nicht mehr der Jet Lag ("sorrache") und noch nicht die andine Höhenluft (auch "sorrache"), sondern das plötzliche wieder Kind, also voller Staunen und ohne Sprache sein...
Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich all diese ersten Wochen lang nicht nur die stille Beobachterin der unfassbaren Vorgänge um mich herum war, sondern selbst das exotische Element: die fiktive Gestalt einer "einsamen Gringa", entschlossenen, aber ziellos; einer "rothaarigen Fremden" (für meinen kolumbianischen Ex-Mitbewohner hiess ich Pelorosso), die den roten Faden ihres Lebens irgendwo verloren haben musste. Wenn man diese Person ansprach, nachdem sie schon dreimal an einem vorbeigelaufen war, dann murmelte sie vielleicht ein "Ichsuchedenweg", wusste auf das "¿Wohin?" aber schon keine Antwort mehr. Ob diese Gringa weiß, wo sie ist? - In einem Land, in dem die Frauen mit Highheels über Schlaglöcher schreiten (sie selbst lief die meiste Zeit, in Turnschuhen); auf einem armen Kontinent, in dem ein bisschen Vorsicht geboten ist (sie liess ihr Portemonnaie rumliegen und lief schon mal nachts alleine durch La Boca).. Niemand wusste wirklich, woher diese Gringa kam und was sie, die offensichtlich keine Touristin war, hergetrieben hatte: "Alemania" sagte sie zwar, aber mit dem merkwürdigsten französischen Akzent; wenn man ihre Heimatstadt erfahren wollte, dann hört man ein "godignyunpueblocercademunsdr" und ein entschuldigendes "ist nicht so gross". Erst jetzt haben mich diese Leute angesprochen, die mir nie aufgefallen sind, die mich aber seit Wochen beobachtet haben und über mein Auf und Ab rätselten - der Fahrradkurier von der Strassenecke hielt mich für eine Antiquitätensammlerin (¡qué idea!), der Matemann, der irgendwie mit der Türschwelle verwurzelt ist, vermutete eine Liebesgeschichte mit einem Porteño und die bolivianische Kioskfrau staunte nicht schlecht als sie hörte, dass ich ein wenig Quechua spreche - damit hätte sie am wenigsten gerechnet. Ihr verzückt-mitleidiger Blick, als ich ihr "Schwarzbrot" esse, das nur zur Deko gedacht war und "doch nach gar nichts schmeckt, mi hija", macht mir klar: hier bin ich die Exotin im argentischen Alltag. Die Porteños finden mich ebenso merkwürdig wie ich sie und verstehen nicht, was ich hier mache. Ein Praktikum, von 9 bis 19 Uhr arbeiten ohne Geld zu verdienen? Undenkbar! Und meine Familie? Ja, der geht´s gut. Ja, aber brauchen mich meine Kinder denn nicht? Na, die hab ich im Waisenhaus abgegeben, nachdem ich meine drei Ehemänner um die Ecke gebracht habe. Ach so..! Was hab ich jetzt gesagt?! Ché, ich bin 23! Ja eben..
Der Kulturschock ist wechselseitig, doch das grösste Paradoxon ist wohl der Reisende selbst, dieser Eindringling in fremde Welten - nicht der Pauschaltourist, der richtet in seiner Postkartenkulisse, seinem potemkischen Dorf, keinen Schaden an. Aber der Weltenbummler, der bleibt ohne wirklich zu bleiben, der monatelang auf der Schwelle zwischen Willkommen und Abschied lebt, keinen Kühlschrank und keinen Platz in der Gesellschaft füllt, sondern von der Hand in den Mund, Gelegenheit zu Gelegenheit lebt...

"Was wollt Ihr eigentlich alle hier?!" höre ich alle paar Tage, wenn sich unser Goethe-Techniker Rudolfo wieder über irgendwelche Verspätungen, Schmiergeldforderungen für Filmpakete oder bloss über ein gerissenes Kassettenband aufregt: "Ist doch viel besser in Europa! So ein verrücktes Land, die spinnen alle, die Argentinier; wenn ich bloss weg könnte hier!" Dabei kann er durchaus, mit seinem Schweizer Pass .. Ja, was wollen "wir" denn hier? So mancher Europäer, der ein paar Hundert Meter von hier, im Hafen von Buenos Aires, zum ersten Mal amerikanischen Boden betrat, war ja eher auf der Flucht; radierte seinen alten Namen aus und war auf einmal nicht mehr der Kriegsverbrecher Erich Priebke oder der Sektenführer Paul Schäfer, sondern ein völlig unpolitischer Neureicher, der unter dem Deckmantel der Peron-Regierung in die deutsche "Kolonie" Bariloche im Süden Argentiniens (Patagonien) zog. Gestern hatte hier ein Dokumentarfilm des argentinischen Regisseurs Echeverría Premiere, der über den Pakt des Schweigens in dieser seltsamen Stadt berichtet, in der auch die Kinder und Enkel der deutschen Auswanderer noch im Stil des 19. Jahrhunderts gekleidet sind, Kaiserdeutsch und ein abgehacktes Spanisch sprechen, den Geburtstag des "Führers" feiern und bis 1995 einen Altnazi versteckt haben, der massgeblich am Massaker in den Katakomben von Rom beteiligt war. Was auf mich fast wie ein Spielfilm wirkte, wurde am Ende auf merkwürdige Weise bestätigt, als sich unter den Zuschauern eine wütende weisshaarige Frau erhob und dem Regisseur in brüchigem Spanisch beschimpfte, man müsse doch irgendeine Identität bewahren dürfen. Sie schienen sich zu kennen, aus Bariloche, aber was sich dann über die Kinosessel hinweg entwickelte war mehr als ein Streit unter Nachbarn und immer mehr Zuschauer mischten sich in die Debatte über die Grenzen von Identität und die Amnestie von Kriegsverbrechern ein, wie man sie sonst im Land des "Nunca Más" viel zu selten hört.
"Wir" dagegen - die Abenteurer, Pasantías und Mochileros - die hier mit unseren Rucksäcken als einzigen Begleitern auf dem Flughafen Ezeiza gelandet sind, sind wohl eher moderne Wilhelm Meister auf der Suche nach unserer Bestimmung. Wie viele Ausländer haben mir nicht mit ihrer Lebensgeschichte geantwortet, um zu erklären, warum es ihr Schicksal ist, jetzt hier zu sein.
Wie meine Mitbewohnerin Céline, Halb-Schweizerin und Halb-Kolumbianerin, die mir da auf dem Balkon gegenübersitzt und mir von ihren Halbbrüdern erzählt, die sie "bald" zum ersten Mal sehen wird. In Kolumbien. Viele Tausend Kilometer Busreise von hier entfernt. Bald, irgendwann, sie hat Zeit. 'Celina' hat zwei Jahre lang für diese Reise gearbeitet, ist auf einem Frachtschiff hergekommen und hat keine Rückfahrkarte.. In ihrem Blick, der über die Folkloregruppe unten auf der Plaza und weiter über die Flachdächer unseres geliebten San Telmo gleitet, liegt keine Wehmut sondern Amuesement und in ihrer Stimme die reine Abenteuerlust, wenn sie von der Suche nach dem Ort spricht, an dem sie bleiben kann und der Unmöglichkeit, nach Neufchâtel zurückzukehren; von ihren Freunden, die an Orten wie diesem im Universum verschollen sind - San Francisco, New York, London - und die sie so bald nicht wiedersehen wird. Sie ist völlig frei, für sie gibt es kein Zurück mehr. Und dennoch fühlt sie sich dieser Freiheit nicht ausgeliefert.. Ich dagegen fühle mich oft genug unfrei in diesem desillusionierten Land, das meinem Entdeckungsdrang mit seiner Wegschau- und Weghörkultur, seinen Wachleuten, No-Go-Areas und dem Tanzverbot(!) (seit dem schweren Brand der Cromagnon-Disko) in vielen Boliches entgegentritt. Unfrei in der Weltstadt Buenos Aires, diesem Sumpf der Anonymität, aus dem der einzelne nur durch Konsum kurzzeitig aufzutauchen scheint; in der ihn die neue Hose oder der dritte Schal eher vor der Kälte der blickleeren Bürgersteige schützt als vor den Herbstwinden; in der menschliche Wärme nur eben so lange anhält wie ein Verkaufsgespräch.
Schön einfach für einen ausländischen Touristen, dessen Dollars oder Euro ihn zum König machen, wenn er sich für 150 Pesos (40 Euro) komplett neu einkleidet, für 2 $ (50 Cent) die Schuhe putzen lässt, für 15$ (4 Euro) erstklassig speist, für 7$ (2 Euro) eine Tangostunde nimmt, um schliesslich für 30$ (8 Euro) ein Ballett im Teatro Colón zu sehen, und dann für 10$ (2,50 Euro) im Taxi quer durch die ganze Stadt zur Wohnung zurückzufährt. Wie einfach .. und wie unbefriedigend, sich durch die Schluchten dieser Grossstadt zu shoppen, in denen Gleichaltrige nach Essen suchen und einen im Vorübergehen eine kurze Ewigkeit lang ansehen. Wenn man einmal so einen umgestürzten Müllwagen im Neonlicht gesehen hat, auf den sich inmitten des Feierabendverkehrs Dutzende Kinder stürzen, um mit den Abfällen davonzurennen, beginnt man zu ahnen, dass nicht nur der Mate sondern auch ein Leben oft nichts kostet in dieser 'europäischsten' lateinamerikanischen Stadt.

Einen Monat später. Ich bin keine grossäugige Touristin mehr, sondern habe inzwischen einen vorläufigen Platz in Buenos Aires gefunden; also nicht nur den Kalender voller Telefonnummern flüchtiger Bekanntschaften, die ich doch nie anrufen werde, Einladungen in Tigre, Rosario und Líma, die ich womöglich nie annehme, und genug Ideen, um zwei Jahre (aber nicht drei Monate!) hier zu verbringen. Sondern auch einige wirkliche Freunde, die mich diese Stadt doch noch zu lieben lehren, mich dazu brachten, meinen Geburtstag viermal zu feiern und dafür sorgen, dass ich jeden Morgen vor Müdigkeit fest an meinen Mate geklammert, aber glücklich, im Goethe auftauche. Nachdem ich wegen eines etwas hartnäckigen Verehrers nicht mehr zum Quechuakurs gehe, habe ich statt dessen endlich mit Saxophonunterricht begonnen. Unser Lehrer ist fantastisch, und so hippie, dass wir nebenbei in seinem Haus kostenlos üben können!
Um nach all der strassenstaubigen Gesellschaftskritik dieser Mail doch noch mit einem Postkartenidyll zu schliessen, brauche ich nicht weit abzuschweifen. Das Klischee lebt und es ist hier: gerade zum Beispiel trinke ich Mate-Tee, höre Bob Marley und blicke über die Dachterrasse auf jede Menge Palmen und tropische Blumen auf den anderen Hausdächern, von deren Smoggrau sich unsere rosafarbene Betonwand ganz nett abhebt – meine Gastmutter Zully, eine ehemalige B-Film-Schauspielerin, ist hoffnungslos esoterisch und trägt nicht nur eine rosafarbene Brille sondern auch rosa auf. Damit erfüllt sich das Mural zumindest für mich erst einmal: "Ojalà: vida!" Den 'Propheten' habe ich seither nicht mehr gesehen.
(Rundmail aus B. Aires)

Sonntag, 27. März 2005

Echo eines Pyrenäenabenteuers

Als hätten wir uns am Mate verschluckt, so sind alle Sinne überreizt solange wir stehen. Die Stufe ist ein Abgrund und sträubt sich gegen unsere Füße und noch kurz vor der Küste blinzeln wir in den hellen Bürgersteig mit dem gleichen Gedanken: Schnee! Nicht dieser erste Schnee des Lebens, der so zaghaft knirscht, wenn man nachts darüber läuft auf dem einsamen Göttinger Stadtwall. Das waren auch wir, aber das scheint weit weg, weiter fast als Barcelona, die jetzt über unseren Köpfen zur Stadt wird. Schnee ist jetzt das Geräusch des Fallschachts, zu dem er werden kann, wenn man mitten in einem Gebirge, von dessen Felsspalten man weder Kenntnis noch Warnung hat, unerwartet mit dem ganzen Körper bis zum Bauchnabel im Weiß versinkt und bei jeder Bewegung tiefer sackt ohne Grund unter den Füßen zu spüren. Dann fiebert das Adrenalin nicht mehr dem (vielleicht doch nicht so) unerreichbaren Puigmal entgegen, sondern jedem nächsten Schritt. Und im letzten Moment ahne ich, wo die Offenheit und Wärme der Núrianer begraben liegt: Buchstäblich in diesem Schnee, aus dem ich mich gerade mit Not und Glück befreien konnte. Die meisten haben eine Ahnung davon, dass keine Cremallera, keine staatliche Förderung und nicht einmal San Gil und die Virgen de Núria gegen die Launen dieser Gipfelkette und die Unerfahrenheit von Besuchern wie uns etwas ausrichten können.
Als wir auf dem ersten Gipfel ankommen, verschwinden ein Dutzend Geweihe hinter noch mehr Marmorbrocken, Felsen und Schnee. Es weht ein scharfer Wind über die Kuppe dieses Berges, den die Lugareños einfach nur „Hortensienhügelchen“ taufen. Hügelchen! Pah! Aber besser als Ameisenhügelchen – hormigas statt hortigas – wie ich erst verstanden habe. Der Wind lupft eine dichte Wolke in die Höhe, so dass binnen Sekunden der Blick auf einen der größten Gipfel hier frei wird. Und wir kalte Füße bekommen, da sie uns eindeutig signalisiert, dass sie als nächstes unser Riesenhügelchen zudecken will. Ohne Raquetas (Schneeschuhe) geht es abwärts, ein Apfel zeigt uns im Davonhüpfen den schnellsten Weg, doch wir folgen ihm aus guten Gründen nicht. Nachts in der Hütte bilden sich Rinnsäle unter der Heizung mit unseren Hosen, an denen der Schnee bis zum Hintern klebt. Doch davon kriegen wir nichts mehr mit.
Es liegt eine unheimliche Stille über dem Tal, in dem jeder Blick, der über die sonnendurchtränkten weißen Berge streift, unweigerlich auf das trutzige Gebäude zurückfällt, das zusammen mit dem künstlichen Stausee fast den gesamten Boden des engen Tals einnimmt. Hier ist diese unglückliche Mischung aus Ski- und Wallfahrtsort zu spüren. In den Seitenflügeln der Kapelle sind auch mehrere Andenkenläden, ein Dreisternehotel und ein Skiverleih untergebracht; schließlich ist diese Dornröschenkaserne neben der Herberge und dem Hundestall das einzige Gebäude von Núria.
Täglich zwischen 9 und 17 Uhr fährt die Gondel ihre leeren Plastikstühle den Berg hinauf, überall beflimmern Flachbildschirme verwaiste Gänge, die Touristeninformanten zeigen uns ihr schönstes Achselzucken und die Kellnerin telefoniert noch beim Servieren aus dem Tal heraus. Dutzende Angestellte und eine Handvoll Touristen schieben hier Schnee oder eine ruhige Kugel, doch kein Lachen entschwebt dem Bann dieses seltsamen spanischen (¿español, de verdad?!) Ortes. Die Stimmung lastet drückender als der Nebel. Kein Plan und keine Information führte uns hierher, sondern eine Intuition, die sich aus dem geheimnisvollen Namen ergab. Das Geheimnis kann ich noch immer nicht benennen, doch vielleicht ist es das seltsame Gefühl noch niemals dort gewesen zu sein.

geschrieben im Zug von Queralbs nach Barcelona nach meiner ersten selbst verantworteten Mini-"Bergtour" auf dem Gran Recurrido (11?) in den Pyrenäen

Montag, 21. März 2005

"Histórias mínimas" - Ein Sonntag im Parque Lezama

Am Eingang des Parks begruesst uns eine doppelte Statue: Vor das riesisge Standbild einer nackten Indígena hat man das Ehrenmal irgendeiner argentinischen Ikone in Uniform gesetzt, das die grosse Frau im Hintergrund dennoch nicht ganz verdecken kann. Ein wohl eher ungewolltes Pas de Deux zweier argentinischen Kulturen, wie sie im Parque Lezama ueberall zu sehen sind.
Dieser dunkelgruene Dschungel, der so unerwartet zwischen den Gassen auftaucht, trennt zwei Barrios, die sich nie unaehnlicher sind als an so einem Sonntag wie heute: Wenn das bescheidene San Telmo zum Touristenvergnuegungspark wird, der durchreisenden Alltagsfluechtlingen die gewuenschte Portion Exotik haeppchenweise und auf Englisch serviert bis sie in einen Einkaufsrausch verfallen und Kunst und Kommerz verschwimmen. Wie bei der jungen US-Amerikanerin im Gedraenge vor mir, die gerade eine Begruendung gefunden hat, um sich den dritten Schal zu kaufen: "First I always think, '40 $, quite expensive!' until I realize 'My God, it's 10 Dollars, that´s nothing!'"
Der Parque Lezama bildet eine unsichtbare Grenze, die kein Gringo (Fremder) anders ueberschreitet als im Linienbus, der ihn direkt an ein buntes Gaesschen mit Postkartenfassade bringt bringt, wo er sich einen Eindruck davon zu machen, wie "malerisch" doch die Armut und wie "lebensfroh" die Leute sein muessen, fuer die 40 $ nicht "nothing" sondern das Wochenziel sind. Die Rede ist von La Boca, beruehmt fuer den "Lateinamerikanischen Traum" eines armen Strassenjungen namens Diego Maradona, der aus dem Hinterhof den Rasen von Boca-Juniors und die Buehne der Welt betrat. Beruechtigt aber eben auch fuer seine Ueberfaelle, Strassenschlachten, seinen agressiven Machismo, die extreme Armut und die geringe Lebenserwartung, die den Rio Riachuelo hinunter bis vor die Ruinen der stillgelegten BASF-Fabrik auf 30 Jahre abfaellt...
Zwischen diesen beiden Welten also der Parque Lezama, der Grenzgaenger - Literaten, Hippies, Musiker - aus aller Welt anzieht, aber auch Bankiers aus dem Centro und junge Familien aus La Boca. Eine eigentuemliche Mischung, die hier fuer einige Stunden ein gemeinsames Glueck findet. Meine Schuhe in der Hand spaziere ich barfuss an Flohmarktstaenden und unter Palmen an dieser Strandpromenade ohne Meer, schlage einen Fussball zurueck, den die zukuenftigen Diego Maradonnas auf den Kopf eines ahnungslosen Opas zuspielen. Hier strecken sich argentinische Grossfamilien auf dem Rasen aus, um noch brauner und noch entspannter zu werden. Ein kleines Maedchen mit dem runden Gesicht der Indígenas, das sicher erst in diesem Sommer laufen gelernt hat, hat sich das weisse Hemd seines Vaters um die Schultern gehaengt und rennt so schleierumweht wieder und wieder den Sonnenhuegel hinunter, ihre Schritte taenzelnd im Rythmus der Bongotrommeln, die mal von den Bueschen, mal aus unbekannter Richtung hinunterwehen, ein unsichtbarer Pulsschlag des Parks.
Ueberraschender Auftritt der Boca-Juniors: Die Fútbol-Kids halten andaechtig inne, als die muskuloesen Maenner vom nahen Stadion vorbeijoggen, immer schneller werden je steiler der Weg ansteigt und das Tam-Tam der Bongos noch antreiben.
So schnell, wie sie aufgetaucht sind, sind die Goetter in Blau-Gelb wieder verschwunden; die kleinen Porteños nehmen ihr Spiel wieder auf, wohl etwas fieberhafter als zuvor, der Geschaeftsmann neben mir knuepft sein Hemd wieder zu und steckt den Liebesroman in die (Akten-)Tasche, und das Teenager- paerchen verschwindet laechelnd gen Westen, zusammen mit der Sonne, die ein letztes Mal die silbernen Matekessel aufblitzen laesst bevor sie den Park fuer wenige Stunden dem Mond, den streunenden Hunden und anderen Gestalten von La Boca ueberlaesst.

Dienstag, 1. März 2005

Hallo zusammen, hola toditos, salut!

Viele Grûsse aus einer argentinischen Sommernacht! Schwer zu glauben, dass es erst vier Tage her ist, seit ich über die wintermärchenhafte Sauerlandlinie zum Frankfurter Flughafen gefahren bin - hier im Chaos der Strassen von Buenos Aires, wo sich die Vegetation und die Lebensfreude auch dort noch ihren Weg bahnen, wo vor lauter Beton oder Armut keiner mehr zu sehen ist, in dieser filmreifen Kulisse zwischen Palmen und Tangobars, halb zerfallenen bunten Lastwagen, aus denen rauchend die schönsten Männer lehnen und jedem Mädchen Sachen hinterherrufen, die ich noch nicht verstehe und auch nicht unbedingt immer verstehen will.
Sitze hier gerade in einem Internetcafé zwischen sieben Halbstarken eingekeilt, die lautstark miteinander zocken. In der Ecke der Teenager, der hier die ganze Nacht aufpassen wird, aber offensichtlich nichts dagegen hat: Denn alle zwei Minuten schaut seine Freundin auf eine Pizza oder einen allerletzten Gutenachtkuss herein. Am seltsamsten aber sind die riesigen Papiermonde, die über uns im Wind schaukeln, der von der Strasse hineinweht und dem Namen der Stadt Buenos Aires alle Ehre macht. Dieser Wind erinnert mich immer wieder an meinen Flug, daran, wie nah der Ozean ist...
Der Flug sollte 16 Stunden dauern, nach 20 Stunden waren wir dann auch wirklich da, nach 24 Stunden mit Koffersuchen und Schlangestehen sogar draussen - Rückblick in mein Reisebuch: Mitternacht: Madrid liegt unter uns wie ein goldener Inkaschatz, als hätte die ganze Stadt uns zuliebe die Weihnachtsbeleuchtung angeschaltet. Dabei geht das Leben dort unten ganz normal weiter – eine Mutter bringt ihre kleinen Kinder ins Bett, ¡buenas noches!, zwei Blöcke weiter ihr Mann die Nachbarin, ¡cariña!.. alles nimmt seinen gewohnten Lauf, und über ihren Köpfen bringt eine Iberia ein paar hundert Europäer, gescheiterte oder hoffnungsfrohe Existenzen, in ein paar hundert neue Leben:
Homo Faber in der Reihe hinter mir war in Namibia und hat viel zu berichten von Namibia, da war das dritte Triebwerk auf der rechten Seite ausgefallen und gab es nicht einen Überschallstart? - jaa, Namibia war schön! Ach, Namibia...
Reisebekanntschaften: Ein paar ältere Ehepaare aus Deutschland, die sich furchtbar wegen der Verspätung ängstigen und kein Wort Spanisch sprechen, mich wie ihre Tochter behandeln und von ihren Kindern erzählen, die auch in Göttingen studieren. Ich lasse mich vorerst nicht adoptieren und lerne meinen Sitznachbarn kennen, Typ Grossindustrtieller wie aus "Die fetten Jahre sind vorbei", Alt-68er, inzwischen zur "Lebensfreude" konvertiert: in Chile unter Pinochet zum grossen Geld gekommen und ¡claro que sí! begeistert vom chilenischen Wirtschaftsaufschwung. Dass der auf Kosten der Bevölkerung ging und ein paar (Tausend) 'Subversive' in Folterkammern verschwanden tut er lässig ab, er rechnet offensichtlich nur mit grossen Zahlen und mir die Opferzahlen auf ein verträgliches Mass herunter. Haarsträubende Geschichte, dabei versucht er nicht unsympathisch zu wirken und ist offenbar mit der ganzen Manager-Clique von Lateinamerika befreundet - glaub ich ihm aufs Wort, dass da solche Leute wie er sitzen! Zum Glück treffe ich noch einen lustigen italienischer Dialektologe, dessen Italofranzösisch ich besser verstehe als die nebulösen weltumspannenden neoliberalen Ideen meines "Landmannes".
6 Uhr: Irgendetwas rüttelt mich aus dem Schlaf, es sind die Tragflächen, an denen die Winde zerren und schieben. Die Flügelspitzen zittern - wir sind alle ganz plötzlich wach und zittern mit. Über die Bildschirme flackert der Abspann eines Films, den keiner gesehen hat, die Wolken, vorher weiss und rund wie Teller von Riesen, sind nur mehr winzige Rechtecke, die mich in ihrer exakten geometrischen Anordnung auf dem schwarzen Meer an Soldatengräber erinnern - komisch, was einem da so auffällt. Unser Luftschiff wogt immer stärker hin und her, die angespannte Stimme des Piloten fordert uns auf, die Fensterklappen zu schliessen - das macht es nicht besser. Aber die Flaute macht es besser, der Wind beruhigt sich und ich luge unter den Klappen durch - gerade in dem Moment, da wir auf die Küste von Brasilien treffen. Ein Wahnsinnsanblick: Gerade hat uns die Sonne eingeholt und erleuchtet den Himmel in einer wilden Mischung aus violett und gold und dunkelblau, und von der Küstenspitze aus schickt ein Leuchtturm sein Licht in den einsamen ersten Morgen...
Und doch war der Flug noch viel zu kurz, um mir diese enorme Entfernung und das komplett andere Leben bewusst zu machen. Am liebsten hätte ich es wie meine Mitbewohnerin gemacht und irgendein Transportschiff genommen.
Inzwischen habe ich die ersten kulturellen Stolpersteine schon hinter mir, aber immerhin auch die erste wilde Party, mit Tango-Privatunterricht :-) Solltet Ihr im Laufe meiner Argentinischen Briefe beschliessen, dass Ihr
Euch das hier nicht entgehen lassen dürft, könnt Ihr mich gerne hier besuchen :o) Wohne unter einem Dach mit Gastfamilie und vier Mitbewohnern – nicht zu vergessen die Schildkröte Simón, die auf der Dachterrasse lebt! Den Innenhof teilen wir uns mit schätzungsweise tausend Kindern, die ich noch nie gesehen, aber dafür um so besser gehört habe. Sie beginnen zu einer Zeit mit dem Versteckenspielen, un dos tres..., da ich gerade noch Schäfchen zähle.. Wobei mir einfällt, dass ich das heute vorziehen werde, weil ich morgen früh im Goethe-Institut anfange und ja noch fünf Monate Zeit habe, Euch mit auf die Reise zu nehmen durch die Strassen von B. Aires, zu den Magellan-Pinguinen und den Orka-Walen, zu Lucía in die argentinische 'Klein'stadt Tucuman, zu den schwimmenden Inseln des Titicacasees und bis in die entlegensten Dörfer der peruanischen Anden...

Vom Ende der Welt grüsst

Christina