Indigene aus der ganzen Welt kämpfen auf höchster Ebene für ihre Rechte – doch an der Umsetzung vor Ort hapert es noch, sagt die Vorsitzende des UN-Indigenenforums
(veröffentlicht im SÜDLINK, dem Nord-Süd-Magazin von Inkota, 06/2012, S.22-24 >>, Foto: https://twitter.com/#!/MyrnaCunningham)
Myrna
Cunningham kämpfte
in der Sandinistischen Revolution und zog dann durch die
Institutionen – bis zum Ständigen Forum für Indigene
Angelegenheiten der Vereinten Nationen (UNPFII), das sie seit 2011
leitet. Ein Gespräch über Chancen und Grenzen der UN, indigenen
Fundamentalismus und das Erfolgsgeheimnis indigener Bewegungen in
Lateinamerika.
Frau
Cunningham, wie
viel können Sie in einer Organisation der Vereinten Nationen
erreichen?
Zugegeben,
unsere Möglichkeiten sind beschränkt. Das Forum spricht ja nur
Empfehlungen aus. Wie diese in den Ländern umgesetzt
werden, steht auf einem anderen Blatt. Leider haben wir nur ein
schwaches Mandat, das kein Monitoring vor Ort vorsieht. Aber unsere
Arbeit wird noch durch andere Akteure geschwächt: Die Vereinten
Nationen haben keine Möglichkeit, Unternehmen dazu zu bringen die
Rechte der Indigenen zu respektieren. Angesichts der Macht von
Rohstoffkonzernen ist das ein sehr, sehr ernstes Problem.
Was
hält Sie davon ab, für eine Ausweitung des Mandats einzutreten?
Unsere
VorgängerInnen sind
erfolglos dafür eingetreten, dass das Forum die Einhaltung der 2007
verabschiedeten UN-Erklärung über die Rechte indigener Gruppen in
den verschiedenen Ländern überprüfen darf. Doch es haben sich
viele Regierungen zusammengeschlossen, um dies zu verhindern.
Sie
repräsentieren 370 Millionen Indigene weltweit – was haben all
diese Menschen gemeinsam? Gibt es überhaupt so etwas wie eine
gemeinsame Agenda?
Oh
ja, die gibt es! Das ist auch sehr wichtig, denn angesichts der
Bedrohung durch die rohstofffördernden Industrien müssen wir sehr
geschlossen auftreten. Wir
Indigenen sind entschlossen, unsere jeweils eigenen Weltbilder,
unsere eigenen politischen Organisationen und unsere eigenen
Wirtschaftsweisen zu bewahren.
Keiner
der 370 Millionen Indigenen ist damit einverstanden, dass hinter
unserem Rücken Entscheidungen getroffen werden, die für uns
lebenswichtig sind. Daher kämpfen wir gemeinsam für unser Recht auf
freie, vorherige und informierte
Zustimmung. Und schließlich drängen wir darauf, Menschenrechte in
einem weiteren Sinne zu verstehen: nicht nur als Rechte des
Einzelnen, sondern auch als Rechte verschiedener Gruppen mit ihrer
jeweils spezifischen Kultur.
Es
gibt aber auch
indigene Gruppen, die selbst Menschenrechte gefährden, zum Beispiel
das Recht indigener Frauen auf freie Entscheidung und körperliche
Unversehrtheit.
Es
hat uns viel Kraft und Zeit gekostet, die Forderungen der Frauen in
die Agenda aufzunehmen; dieses Thema hat innerhalb indigener
Gemeinschaften jahrelang für Konflikte gesorgt. Viele vertraten die
Meinung, das solle nicht nach außen dringen und andere Themen –
Landrechte und das Recht auf Zustimmung – seien ohnehin wichtiger.
Doch nach und nach haben wir uns durchgesetzt, und jetzt sind
Frauenrechte explizit in der UN-Erklärung
über die Rechte indigener Gruppen festgeschrieben.
Alle
16 Mitglieder
des Ständigen Forums sind Indigene, aber nur acht wurden wie Sie von
einer indigenen Organisation ausgewählt – die anderen acht von
ihren Regierungen. Gibt es da nicht enorme Interessenkonflikte?
Wir
sind trotzdem eine ziemlich homogene Gruppe. Viele unserer Kollegen
und Kolleginnen, die von den Regierungen ausgewählt wurden, haben
zuvor für indigene Organisationen gearbeitet. Wir teilen uns die
Mandatsgebiete entsprechend unserer Erfahrungen auf – unabhängig
davon, wer uns eingesetzt hat. Letztendlich
sind wir alle unabhängige Experten.
Im
Forum sitzen VertreterInnen aus so unterschiedlichen Ländern wie
Finnland, das den Saami ein eigenes Parlament und Weideland
reserviert, und Indien, das auch schon mal einen heiligen Berg
der Adivasi an Unternehmen verkauft. Wie schaffen Sie es angesichts
so unterschiedlicher Bedürfnisse zu einem Konsens zu kommen?
Sicherlich
hat jede und jeder von uns eine eigene Agenda. Wenn es einen Punkt
gibt, in dem wir uns nicht auf eine Lösung einigen können,
versuchen wir uns streng auf die UN-Erklärung zu beziehen. Wenn wir
dann immer noch uneins sind, verzichten wir lieber auf eine
Empfehlung.
Bei
welchen Themen kommt das vor?
Am
wenigsten stimmen wir überein, wenn es um konkrete Beispiele in
bestimmten Ländern geht. Wir haben ja nicht alle das gleiche Wissen
über die Situationen vor Ort. Daher halten wir die Empfehlungen
lieber allgemein, als sie auf spezifische Beispiele hin zu
formulieren.
Mal
angenommen, ich wäre Mitglied eines indigenen Volkes, dessen Rechte
akut verletzt werden. Wie könnten uns die Vereinten Nationen ganz
konkret weiterhelfen?
Als
Ständiges
Forum können wir in einer konkreten Situation wenig tun. Dafür
reicht unser Mandat nicht aus. Zuständig wäre der
UN-Sonderberichterstatter für die Rechte der Indigenen Völker.
James
Anaya.
Ja,
an ihn müssten Sie sich wenden. Ihm steht es zu, mit den Regierungen
über Rechtsverstöße zu sprechen.
Nur
ihm? Und Sie können nichts tun?
Unser
Mandat ist eher allgemein.
Daher versuchen wir den indigenen Organisationen klar zu machen, dass
sie sich bei ihren Appellen auf unsere Mandate beziehen müssen –
Kultur, Gesundheit, Bildung, Entwicklung, Umweltschutz und so weiter.
Unser Vorgehen ist andersherum: Wir suchen vor allem nach „Best
Practices”, um gut funktionierende Mechanismen zu stärken und zum
Vorbild zu machen.
Sie
selbst gehören der Ethnie der Miskito an, das durch Landraub
besonders unter der Somoza-Diktatur gelitten hat. Was war der
Auslöser für Ihr politisches Engagement?
Das
war während der Sandinistischen Revolution in den Achtziger Jahren.
Ich sah darin eine große Chance für uns und andere indigene
Gruppen, die immerhin die Hälfte des nicaraguanischen
Territoriums bewohnen: Erstmals konnten wir uns von unserer
historischen Unterdrückung befreien, Rechte einfordern und für
unsere Selbstbestimmung kämpfen. Das war ganz neu für mich, zuvor
hätte man uns wohl kaum zugehört – und unsere Forderungen schon
gar nicht in Gesetze überführt, wie es plötzlich der Fall war. Das
war eine Wasserscheide, ein entscheidender Moment für alles, was wir
später erreicht haben.
Sie
sind dann sehr schnell von der Straße in die Politik gegangen: als
Abgeordnete der sandinistischen FSLN (Frente Sandinista de Liberación
Nacional) und später als
Gesundheitsministerin. Wie bewerten Sie diesen Schritt heute? Müssen
AktivistInnen sich mit ihrer Regierung und den politischen Parteien
arrangieren?
Wenn
es eine Chance gibt, dass sich unsere Forderungen in politische
Richtlinien übertragen lassen, müssen wir diese Chance wahrnehmen.
Ich halte es für wichtig, dass sich AktivistInnen
zum gegebenen Zeitpunkt auch für öffentliche Posten zur Wahl
stellen. Ansonsten werden wir immer nur Forderungen erheben und nie
Einfluss auf die politischen Entscheidungen nehmen.
Von
welchen Miskito-Werten lassen Sie sich bei ihren alltäglichen
Entscheidungen leiten?
Zentral
für unsere Kultur ist die Suche nach Konfliktlösungen und
Übereinkünften, „laman laka“ genannt.
Wir haben eine lange Tradition der Kommunalversammlungen, in denen
wir uns alle an einen Tisch setzen und eine Lösung suchen. Dafür
muss jeder bereit sein, sich mit anderen Sektoren und Meinungen
auseinanderzusetzen und seine eigene Position sehr genau zu
formulieren, um niemanden auszuschließen. Geprägt hat mich auch die
Idee der „pana pana“: Die Übereinkunft, dass jeder bei der
Lösung eines Problems seine Rolle zu spielen hat – nicht mehr und
nicht weniger. Ich kann nicht alles alleine erledigen, sondern wir
müssen unsere Arbeit aufteilen, uns untereinander abstimmen und
helfen. Reziprozität würde man heute wohl dazu sagen. Das setzt
auch voraus, dass wir unsere Fähigkeiten entwickeln, um unsere Rolle
gut auszufüllen.
Als
Indigene habe ich außerdem einen ganzheitlichen Blick auf die Dinge:
Nicht nur wir Menschen sind wichtig, sondern auch das Wasser und der
Geist des Wassers, der Wald und der Geist des Waldes. Das hilft mir
die Welt als Ganzes zu erfassen, in dem jedes Detail eine wichtige
Rolle spielt. Als Miskita und Ärztin weiß ich, dass wir krank
werden, wenn wir dieses Gleichgewicht verlieren.
In
der vergangenen Woche waren Sie erst in Nicaragua, dann in Kenia,
schließlich in Istanbul und nun sind Sie wieder zurück in Managua –
eine typische Woche für Ihre Arbeit als UN-Delegierte, nehme ich an.
Birgt ein solches Jet-Set-Leben nicht die Gefahr, die eigenen Wurzeln
zu verlieren?
Die
Gefahr besteht, aber wenn ich die philosophischen Wurzeln meines
Volkes nicht mehr respektieren würde, hätte ich meine Aufgabe
missverstanden. Ich nehme mir immer die Zeit, um in die Natur zu
gehen und mich auf meine Wurzeln zu besinnen – und seien es nur
drei oder vier Tage im Monat.
Allerdings
muss ich dafür nicht zwangsläufig in meiner eigenen Gruppe sein.
Gerade habe ich zum Beispiel ein Dorffestival in Nordkenia besucht,
bei dem es um traditionelle Ernährung und die Wiederentdeckung alten
Wissens ging. Auch dort habe ich gefunden, was mich ausmacht. Wir
brauchen die internationale Bühne, denn ansonsten bleiben wir in
unseren Gemeinden isoliert und aus all der Verbundenheit mit unseren
Wurzeln entsteht auf politischer Ebene gar nichts. Wenn wir unser
Modell der Entwicklung in die Welt hinaustragen wollen, müssen wir
unsere Basis verlassen.
Beim
Thema indigene Bewegungen denken die meisten Leute automatisch an
Lateinamerika. Warum ist der Aktivismus dort so viel stärker als in
allen anderen Teilen der Welt?
Wir
lateinamerikanischen Indigenen haben uns in den letzten Jahrzehnten
einen wichtigen Platz auf der politischen Bühne erstritten – auf
lokaler und regionaler, aber zunehmend auch auf nationaler Ebene.
Dieses politische Gewicht fehlt den meisten Indigenen. In vielen
Ländern stehen sie enormen Problemen gegenüber – viele werden von
ihrer Regierung ja nicht einmal als eigene Gruppe anerkannt. Viele
werden gezielt unterdrückt, oft unter dem Vorwand sie seien
Aufständische.
In Lateinamerika haben wir uns in viele politische Ämter wählen
lassen, um sichtbarer zu werden und unsere Forderungen in Gesetze zu
gießen.
Wie
können die anderen Indigenen von Lateinamerika lernen?
Wir
haben verschiedene internationale Netzwerke gegründet: Im Netzwerk
für Klimawandel und nachhaltige Entwicklung tauschen sich zum
Beispiel Indigene aus zehn Ländern Asiens, Afrikas und
Lateinamerikas über ihre Erfahrungen aus und laden sich gegenseitig
ein. Unsere Schwestern und Brüder aus den anderen Teilen der Welt
können dabei von uns lernen, aber wir auch von ihnen: Ihren Mut zum
Widerstand unter so schwierigen Bedingungen finde ich bewundernswert.
In
der Elfenbeinküste werden MigrantInnen diskriminiert mit der
Begründung, ihnen fehle die „Ivoirité”, die indigene Identität
der Elfenbeinküste. Und auf der indonesischen Insel Kalimantan haben
die indigenen Dayak 2001 Hunderte MigrantInnen ermordet, die von
einer anderen Insel umgesiedelt worden waren. Wie kann man vermeiden,
dass das Konzept der Indigenität missbraucht wird, um Fremde
auszuschließen?
Meist
stehen die Indigenen ja auf der anderen Seite: als Vertriebene
irgendwelcher Megaprojekte, nicht als Vertreiber. Immer mehr Indigene
werden gezwungen ihr Territorium zu verlassen und in die Stadt
umzusiedeln. Indigene werden sich in Zukunft immer weniger über ihr
Territorium definieren – ihnen bleibt nur ihre kulturelle
Identität, ihre Sprache, ihre politischen Organisationsformen.
Anders
gefragt: Taugt Indigenität überhaupt noch als Konzept in Zeiten
zunehmend hybrider Kulturen?
Im
bolivianischen El Alto habe ich indigene Rapper getroffen. Die
Jugendlichen übernehmen diesen Stil, den sie aus US-amerikanischen
Musikvideos kennen, aber sie rappen in ihrer eigenen Sprache, in
Aymara. Das ist die Zukunft! Natürlich dürfen auch wir nicht zu
Fundamentalisten werden und uns in unseren Kulturen einschließen.
Ich glaube, dass in 100 Jahren die gesamte Menschheit bestimmte
Kulturelemente teilen wird und einige Gruppen dennoch ihre eigenen
Charakteristika erhalten werden.
Wann
könnte das Ständige
Forum für Indigene Angelegenheiten
seine Arbeit einstellen? Was ist Ihr langfristiges Ziel?
Das
Forum wurde geschaffen, um der Marginalisierung der Indigenen in den
einzelnen Ländern auf UN-Ebene ein politisches Instrument
entgegenzusetzen. Schon bei den Staatsgründungen wurden die
Indigenen ja fast ausnahmslos ignoriert. Die Gründung des Forums
2002 und
die Annahme der UN-Erklärung über die Rechte indigener Gruppen 2007
stellen nur die ersten Schritte dar. In den Siebziger und Achtziger
Jahren dachten wir noch, wir könnten innerhalb von 20 Jahren eine
UN-Konvention über die Indigenenrechte aus dem Boden stampfen –
aber davon sind wir auch heute noch weit entfernt. Wir sind gerade
erst dabei die UN-Erklärung zu implementieren und das Mandat des
Forums zu festigen. Ich habe keine großen Erwartungen; es wird wohl
noch sehr lange dauern, bis unsere bei den UN festgeschriebenen
Rechte in den Staaten wirklich respektiert werden.
Myrna
Cunningham
tritt seit 30 Jahren aktiv für Indigenenrechte ein: als Leiterin des
Inter-American Indigenous Institute und vieler weiterer Institutionen
bis hin zum UNPFII sowie als Gründerin der University of the
Autonomous Regions of the Caribbean Coast of Nicaragua (URACCAN).
2002
wurde sie mit dem Pan American Health Organization’s Public Health
Heroine of the Americas ausgezeichnet. Sie
war die erste Miskito-Ärztin in Nicaragua.
Das
Gespräch habe ich
Ende April 2012 am Telefon geführt und aus dem Spanischen übersetzt.
Zum
Weiterlesen:
UN
Permanent Forum on Indigenous Issues:
http://www.un.org/esa/socdev/unpfii
UN
Special Rapporteur on the rights of indigenous peoples:
http://unsr.jamesanaya.org
