(veröffentlicht im SÜDLINK, dem Nord-Süd-Magazin von Inkota, 06/2012, S. 12 >>)
Ein Junge reitet an einer jubelnden Menge vorbei, die ihm Geldscheine zusteckt – doch er nimmt von alldem keine Notiz. Sein Gesicht zeigt die Beklemmung des Initianden: Er soll in eine Gesellschaft aufgenommen werden, die ihn zwingt einen hohen Preis zu zahlen. Die Beschneidungszeremonie ist ein typisches Motiv für die usbekische Fotografin Umida Ahmedova. Für ihren Fotoband „Men and Women: From Dusk till Dawn“ (Frauen und Männer: von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang) bereiste sie 2007 die Dörfern ihrer Heimat.
Ahmedovas Fotografien zeigen die Ambivalenz ländlichen Lebens: hier die Geborgenheit in der Gruppe und in der Landschaft, dort die Unerbittlichkeit von Traditionen. Hier das unbeschwerte Spiel der Kinder, dort die bittere Armut ihrer Familien. Mit den erbaulichen Folklorebildern, die der usbekischen Regierung als Schablone für eine neue nationale Identität dienen, haben Ahmedovas Fotografien nichts gemein. Und doch sind sie voller Sympathie für die porträtierten Bäuerinnen und Bauern: Wie die alte Frau sich sorgsam in einem winzigen Handspiegel betrachtet; wie die Geschwister ungeduldig durchs Fenster spähen, wo sich Fladenbrote stapeln – das alles ist liebevoll beobachtet von einer Frau, die – wenngleich namhaft, wenngleich aus Taschkent – nicht stört, die auf Einladung von Freunden und Verwandten in die Dörfer kam.
Die usbekische Regierung sah das anders: Wegen „Beleidigung und Verunglimpfung des usbekischen Volkes“ wurde die 56-jährige Fotografin 2010 festgenommen; eine eigens eingesetzte Kommission urteilte, ihre Serie zeige ein negativ verzerrtes Bild des Landes und porträtiere die Usbeken als „rückwärtsgewandt“ und „mittelalterlich“. Einer längeren Gefängnisstrafe entging Ahmedova nur dank einer Amnestie.
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| Umida Ahmedova bei einem Kongress in Berlin 2011, Foto: CF |

