(Die dazugehörigen kürzeren Presseerklärungen wurden hier veröffentlicht: >> und >>)
Der Investor brachte das Licht
Matius
hat seit kurzem ein Handy – und ein schlechtes Gewissen. Zusammen
mit vier anderen Clanchefs hat der Papua einen Großteil des
Gemeindelandes an den Zuckerrohrkonzern Rajawali verliehen. Oder
verkauft, so genau wissen sie es nicht. Schließlich war es schon
dunkel an jenem Märzabend, an dem sie dem Drängen der Firma
nachgaben.
4000
Kilometer westlich, auf der indonesischen Insel Sumatra, reckt Hotlan
seine Faust in die Höhe: „Hidup Petami!“ Viva, Bauern! An der
Hand fehlt ein Daumen. Und Bauer ist in seinem Dorf schon lange
niemand mehr. Hotlan ist nie gefragt worden, ob er sein Land
verkaufen will – der Palmölkonzern PTPN IV, der dem
Präsidentschaftskandidaten Aburizal Bakrie gehört, hat es sich
einfach genommen. Bald darauf steckten Unbekannte ihre Häuser in
Brand, töteten mehrere Bewohner und verletzten viele schwer. Doch
sie bleiben – wohin sollen sie auch gehen?
![]() |
| Auszug aus dem Paradies: Das Papua-Dorf K. hat gerade 14.000 ha Land an einen Investor verpachtet – zu einem Spottpreis |
Indonesien besitzt einen der artenreichsten und größten Regenwald der Welt. Doch die Hälfte des Areals ist bereits zerstört; Prognosen des Umweltprogrammes der Vereinten Nationen (UNEP) zufolge werden bis zum Jahr 2022 bereits 98 Prozent der Wälder degradiert oder verschwunden sein, wenn die Abholzung im derzeitigen Tempo weitergeht. Der ehemalige Umweltminister Indonesiens Sonny Keraf ließ bei einem Treffen mit den Delegierten keinen Zweifel daran, wen er dafür verantwortlich macht. „Die Regierung küsst den ausländischen Investoren die Füße“, monierte Keraf. „Es ist immer das gleiche Spiel: Politische Führer brauchen Geld für ihren nächsten Wahlkampf, Unternehmer helfen ihnen aus und im Gegenzug revanchieren sich die Politiker mit Konzessionen von Landflächen.“
Während
seiner Amtszeit (1999-2001) hatte sich Keraf durch die Einführung
des „Gesetzes für Umweltschutz und Umweltmanagement“ einen Namen
gemacht. Es sah vor, den Umweltschutz bei jeder
Investitionsentscheidung an erste Stelle zu stellen – eine weltweit
einmalige Entscheidung. Doch die Praxis vor Ort ist weit davon
entfernt: „Die indonesische Gesetzeslage ist sehr gut, aber die
Umsetzung und Implementierung vor Ort lassen zu wünschen übrig“,
kritisierte Keraf, dessen Partei
für den demokratischen Kampf derzeit in der Opposition sitzt.
![]() |
| Hotlan hat bei einem Überfall seinen Daumen verloren – ein Palmölkonzern will sein Dorf vertreiben |
„Ich
kann nicht verstehen, wie Ihr Euer Land verkaufen könnt!“ Pastor
Petrus Khariseb aus Namibia, einer der VEM-Delegierten, ist
aufgesprungen und blickt kopfschüttelnd in die Runde. 50
Papua-Männer in zerschlissenen Shirts und Sandalen, rauchend. Einer
sehe aus wie sein Vater, sagt Khariseb später. „Wir in Namibia
kämpfen seit 100 Jahren dafür unser Land zurückzubekommen. Und ihr
gebt es einfach so weg. Das Land ist die Mutter des Lebens! Ihr
verschenkt Euer Leben – und das Eurer Kinder!“ Khariseb ist
während der Apartheid aufgewachsen; seine Eltern haben stets für
einen Hungerlohn auf fremden Farmen gearbeitet und nie etwas sparen
können. Für einen Moment lang schauen die Männer betroffen, als
bereuten sie ihre Entscheidung. Doch dann ergreift der Dorfsekretär
das Wort: „Wir haben unser Land verliehen, weil wir ein besseres
Leben wollen. Die Regierung ließ uns im Stich, das Geld vom
Speziellen Autonomiegesetz haben wir nie gesehen.“ Er hält inne:
„Doch es gibt eine neue Freude in unserem Leben. Vor 2010 lebten
wir im Dunkeln, doch Rajawali brachte uns das Licht.“ Und ein
Dorfbewohner, der sich als CSR
(Corporate Social Responsibility)-Manager von Rajawali vorstellt,
setzt noch einen drauf: „Rajawali ist wie Moses.“
Ein
harter Schlag für die ansässige Kirche, die sich seit Jahren um das
Dorf bemüht. „Die Kirchen sollten den Unternehmen zuvorkommen und
den Gemeinden eine wirtschaftliche Alternative anbieten”, empfiehlt
das Papua-Team in seinem Abschlussbericht. Beispielsweise könne ein
Pastor die erste Gemeindeplantage oder den ersten Kiosk eröffnen,
ehe es ein Unternehmen tut.
Matius'
Dorf ist erst der Anfang.
In zehn Jahren werde es in Papua ebenso aussehen wie jetzt schon in
Nord-Sumatra, schätzt Kristina Neubauer, Koordinatorin des West
Papua Netzwerkes (WPN) und des Faith-based Network on West Papua
(FBN). Im August 2010 startete das indonesische
Landwirtschaftsministerium das Agro-Megaprojekt MIFEE (Merauke
Integrated Food and Energy Estate), bei dem 1,2 Millionen Hektar Land
rund um Merauke in Süd-Papua in Großplantagen umgewandelt werden
sollen. Bis 2011 haben bereits 36 Investoren eine Konzession
erhalten, um Holz, Zuckerrohr, Mais und Sojabohnen anzubauen.
Die
meisten Dörfer stehen mit der Entscheidung alleine da und sind auf
die Tricks der Unternehmen nicht vorbereitet. „Die Kirchen sollten
in ihren Gemeinden darüber aufklären, wie die Firmen vorgehen”,
empfiehlt das Papua-Team. Sowohl in Papua als auch in Sumatra
beobachteten die VEM-Delegierten immer wieder das gleiche Schema,
unabhängig davon, ob es sich um ein Bergbauunternehmen,
Plantagenbetreiber oder Papierfabriken handelte: Das Unternehmen
spricht gezielt einflussreiche Gemeindemitglieder an und benutzt
diese, um andere zu überzeugen. Ein Batak-Christ aus Sumatra
erzählte, ihm sei ein teures Auto versprochen worden, falls er sich
umstimmen ließe. Und unter dem Deckmantel der
„Unternehmensverantwortung“ (CSR) bezahlt Rajawali in Papua einen
Dorfbewohner dafür, seine eigenen Leute von den Vorteilen des
Landverkaufs zu überzeugen.
Die
Unternehmen versuchen auch die Kirchen für sich einzunehmen, etwa
durch Spenden an die Gemeinde oder Geschenke an einzelne
Kirchenführer. So war ein Pastor nicht bereit, eine der VEM-Gruppen
zu treffen, weil er bereits auf der Seite des Bergbauunternehmens
stand. Negative Konsequenzen des Agrobusiness verschweigen die
Unternehmen. Oft machen sie sich beliebt, indem sie an kulturelle
Traditionen anknüpfen: So adoptierte der Leiter eines
Bergbauunternehmens ein Kind aus einem Anrainerdorf in Sumatra; einem
Papua-Dorf spendierte Rajawali die komplette Weihnachtsfeier, bevor
die Dorfchefs dem Vertrag zustimmten.
![]() |
Ihre Zukunft steht auf dem Spiel: Indigene Kinder in Papua
|
Die
Reaktion der Kirchengemeinden auf die drohende Zerstörung ist so
unterschiedlich wie die Persönlichkeiten der jeweiligen Pastöre und
Bischöfe: VEM-Teilnehmer Jadasri Saragih wirkt selbst als Pastor in
einer Stadt, die in alle Himmelsrichtungen von Palmölplantagen
umgeben ist. „Ich hasse Palmöl!”, platzt es gleich bei der
Begrüßung aus ihm heraus. Vor jeder Gemeinde auf dem Weg hält er
flammende Predigten gegen den Landverkauf – ebenso wie in seiner
eigenen Kirche. Doch andere Kirchenführer besitzen selbst Plantagen
oder profitieren von Spenden durch Rohstoffunternehmen. Nach dem
dringendsten Thema seiner Kirche gefragt, antwortet ein Bischof aus
einem dramatisch von Landraub betroffenen Bezirk: „Unser
spirituelles Leben.“
In
ihrer Abschlusserklärung haben die Delegierten die Kirchen zu mehr
politischer Verantwortung ermutigt. Sie appellierten an Kirchen auf
der ganzen Welt, sich an die Seite derer zu stellen, die von Landraub
und Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen bedroht sind. „Wenn unsere
Brüder und Schwestern unter einer ungerechten Wirtschaftslage
leiden, sind wir aufgefordert sie zu befreien und zu stärken”,
sagte Bischof Stephen Ismail Munga aus Tansania in seiner
Abschlusspredigt. Das Ende der Apartheid habe gezeigt, dass eine
kritische Masse die Welt verändern kann. „Ich habe Menschen
gesehen und gehört, die von ihrer eigenen Regierung unterdrückt
werden“, sagte Munga weiter. „Ihre Schreie werden nicht gehört,
weil für die Regierung persönliche Vorteile mehr zählen als die
Leben ihrer Wähler. Ihre Schreie sind Gottes Ruf an uns, damit wir
ihnen helfen ihr Eigentum und ihre Würde zurückzuerlangen.”
Bei
einem Treffen mit indonesischen Kirchenführern richteten die
Teilnehmer auch eine kritische Botschaft an die Kirchen, die in
vielen Ländern selbst Beziehungen zu umstrittenen Unternehmen
pflegen – Deutschland eingeschlossen: „Kirchen sollten keine
Spenden von Unternehmen annehmen, die Menschenrechte verletzen”,
sagte Petrus Sugito, Generalsekretär der GKJTU-Kirche aus dem
indonesischen Java. Gemeinsam mit den anderen Delegierten forderte
Sugito einen entsprechenden Verhaltenskodex.
„Wenn
es so weiter geht, wird unser Wald in wenigen Jahren zu Papier und
Plantagen geworden sein, das Wasser wird verschmutzt sein und die
Kleinbauern landlos“, folgerte Rannieh Mercado, Leiter des
VEM-Asienbüros, nach der dreitägigen Exkursion. „Dann werden
unsere Kinder uns fragen: Was hat die Kirche in dieser Situation
getan?“


