Sonntag, 27. Juli 2008

La Friche/ Radio Grenouille 888



Den besonderen Charakter dieses Stadtradios lässt schon der Redaktionssitz erahnen: Die Friche de la Belle du Mai war lange Zeit eine industrielle Brachfläche in einem Arbeiterviertel direkt an den Bahnschienen von Marseille. 1992 haben Künstler und Kulturschaffende auf den Ruinen einer ehemaligen Tabakfabrik Container aufgestellt, so dass dort nach und nach 60 kleine Kulturunternehmen mit insgesamt 400 Mitarbeitern einziehen konnten. Mit ihnen kam nach und nach Farbe an die Container, kunstvollen Graffitis an die Mauerreste und die nötige Infrastruktur auf das Gelände. In der verlassenen Tabakfabrik qualmen heute tagsüber die Köpfe und abends die Joints. In direkter Nachbarschaft zu Radio Grenouille werden Kulturevents geplant, Ausstellungen entworfen, Kinos verwaltet und Tanz- und Theaterproben abgehalten. Auf dem Abrissgelände ist ein einzigartiger inspirierender Ort geworden, der sehr typisch für Marseille erscheint. Der Un-Ort der 80er Jahre ist heute die Ideenschmiede für Marseille, die sich 2013 „Europäische Kulturhauptstadt“ nennen will.
Dabei hat der Charme der Improvisation diesen Edel-Squat nie verlassen: Die 400 Mitarbeiter teilen sich vier Toiletten, zu denen man erst gelangt, indem man das Dach herunterhüpft – eine kleine alltägliche Hommage an das Erfinderland des Parcours, für ältere Mitarbeiter oder Rollstuhlfahrer aber undenkbar. Bis zum Nachmittag heizt sich das exponierte Betongelände entsetzlich auf; einzige Kühlung versprechen die leckenden Klimaanlagen, die draußen kühles Wasser vertropfen. Zu später Arbeitsstunde besucht mich regelmäßig eine Maus, die durch die Wand kriecht und schon mal bis auf den Schreibtisch gelangt und an der Computermaus vorbeirennt, ohne sich dieser Artgenossin bewusst zu werden. Ihre Urahnen kannten bestimmt noch die Arbeiter der Tabakfabrik. So verbindet die Mäusegenealogie die Kulturarbeiter mit den „blue collar workers“ und bewahrt sie vor jeder Abgehobenheit. Ob es die leckende Klimaanlage ist, die die Frichiers so solidarisch mit den gesellschaftlichen Randgruppen macht?
Eine Friche sei der „Versuch zur Reterritorialisierung, zur Wiederherstellung eines realen Ortes“ und damit eine Antwort auf die „Tyrannei der allzu realen, virtuellen und verweltlichten Zeit“, schreibt der französische Philosoph und Medienkritiker Paul Virilio. Das ist in Marseille gelungen. Doch gleichzeitig scheint es, als sei das Quartier mit seinen Tunneln, Spelunken und Türschwellenteenies auf so viel Realismus gar nicht vorbereitet. Es gibt keinen erschwinglichen Mittagssnack in einem Kilometer Umkreis. Als sich vier Künstler zur Rushhour mit Gummibändern an den Ampeln vor der Friche anketten und in der Rotphase auf die Straße hechten, um gleich darauf zurückgeschleift zu werden, ist dieses Wirklichkeit gewordene Computerspiel den Autofahrern nicht ganz geheuer: Sie zeigen, wie gut sie das Ignorieren des Nicht-Ignorierbaren beherrschen. Ich finde, das sollte man sich in Marseille für blöde Anmachen aufsparen und stehe minutenlang mit offenem Mund an der Kreuzung. Außenstehende Besucher trauen sich nicht an dem griesgrämigen Wachtmann mit seiner Bulldogge vorbei. Bei so viel „Street-Credibility“ ahnt kaum jemand, was für ein freundliches Duo sich dahinter verbirgt. (Ich habe es erst an einem Wochenende herausgefunden, als sie bei einem Fotoshooting auf dem verlassenen Gelände plötzlich hinter Andy und mir auftauchten. Habe mich ziemlich erschrocken, dabei warteten sie nur, um nicht durchs Bild zu laufen.)