Freitag, 25. Juli 2008
A hard night's day à Marseille
Obwohl meine Französischkenntnisse in vielen Lebenslagen erprobt sind, empfinde ich das journalistische Arbeiten in einer Fremdsprache grundsätzlich als besondere Herausforderung. In weiten Teilen des europäischen Journalismus gilt das Schreiben als so heiliger Akt, dass allenfalls in der eigenen Muttersprache entsprechende Versuche unternommen werden dürfen. Dieses Tabu durfte ich hier überschreiten und es mir im Französischen bequem machen. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Schreiben in einer Fremdsprache meinen Arbeitsprozess zwar etwas verlangsamt, aber die Ergebnisse keineswegs schlechter werden – vorausgesetzt, es findet sich wie bei Radio Grenouille jemand, der die Texte Korrektur liest. Bei den Sprachaufnahmen war auch mein Akzent kein Problem, sondern wurde im Gegenteil als stilistische Eigenart geschätzt. Wenn man bedenkt, dass in einigen deutschen Radios sogar Dialektsprecher tabu sind, ist mit einer so selbstverständlichen Akzeptanz sicher nicht in allen Redaktionen zu rechnen.
Erneut ist mir ein großer Unterschied in deutscher und französischer Kulturberichterstattung aufgefallen, den ich schon während eines Praktikums bei ARTE in Strasbourg bemerkt habe: Die Franzosen gleich welcher gesellschaftlichen Schicht sind auch bei Kulturthemen „Gourmets“; sie goutieren mit der größten Selbstverständlichkeit anspruchsvolle und avantgardistische Sujets, die sich das breite Publikum in Deutschland von vornherein nicht „zutraut“. So wird auch das völlig unterschiedliche Bild von ARTE links und rechts des Rheins begründet (und die daraus resultierenden Zuschauerzahlen): In Deutschland gilt ARTE schnell als (zu) anspruchsvoller Sender, in Frankreich als gelungenes Unterhaltungsfernsehen. Im französischen Journalismus werden auch schwierige Kulturthemen im Hauptgang serviert – ausführlich und ohne schüchtern auf deren Relevanz hinzuweisen. Dieselben Themen werden dem Publikum in Deutschland angeboten wie ein Nachtisch einem völlig übersättigten Gast – mit Überredekunst, leicht und in kleinen Häppchen. Vielleicht sollte man dem deutschen Publikum ruhig mehr zutrauen und ihm Kulturthemen wieder schmackhaft machen.