Montag, 28. Juli 2008

Redaktionsodyssee, deuxième partie


Nach einem "Surfurlaub" auf der Deutschen Welle, me voilà sur la côte méditerranéenne, bei Radio Grenouille 88.8! Vom Bonner Riesen mit 1000 Mitarbeitern nun zum Zwerg in Marseille mit 20, von der internationalen zur lokalen Kulturredaktion. Mais attention: Für seine eher bescheidene Größe ist Radio Grenouille gar nicht so übel und äußerst gut vernetzt. Eingebunden in die Kulturfabrik La Friche de la Belle du Mai pflegt Grenouille auch Abkommen mit bedeutenden Kulturevents der Stadt, wie dem Dokumentarfilmfest FID Marseille und dem Festival für Experimentalmusik MIMI auf den Îles du Frioul. Als einziges der fünf Stadtradios richtet es dort öffentliche Live-Plateaus ein und berichtet allabendlich direkt vom Ort des Geschehens. Damit wird Radio Grenouille zu einem Teil der Festivals. Mit ihren avantgardistischen Ansätzen und radiophonen Experimenten sind die Redakteure und Moderatoren selbst stadtbekannte Kulturschaffende.
Doch wie kann ein so kleiner Sender rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche ein abwechslungsreiches Programm senden? Durch zwei sehr unterschiedliche Kooperationen: Von ARTE-Radio in Paris bezieht Radio Grenouille aufwändig recherchierte und produzierte Reportagen, vom Netzwerk der französischen Campusradios IASTAR die gelungensten Stücke der Nachwuchsjournalisten. Der Mitarbeiter des Monats seit Computergedenken heißt Polo. Er hat einen Quadratschädel, brummt ständig vor sich hin und hält auch nachts tapfer die Stellung, wenn alle Frösche schlafen. Zum Abendessen bekommt er 16 Stunden Wort- und Musikbeiträge und in Vollmondnächten sogar Klangcollagen aus Tiergeräuschen, mit denen er die schlaflosen Städter unterhält oder ins Reich der Nacht befördert, bis nur noch einer einsam wacht: Polo.
Radio Grenouille ist in Marseille gerade in der linksintellektuellen Szene hoch angesehen. Es gilt als gleichermaßen avantgardistisch und sympathisch, experimentell und engagiert. Grenouille bietet alles, was das Ohr begehrt, nur keinen Mainstream:
Die Berichte tauchen ein in das Leben der Mittelmeerstadt: Ein Flohmarkthändler erzählt die Geschichte seiner Verkaufsobjekte und ein Obdachloser sein Leben; ein afrikanischer Philosoph deutet die letzte Sarkozy-Rede und Toni Negri die Zukunft des Films. Der Dualismus zwischen Kunst auf der einen und Politik auf der anderen Seite verschwindet bei Radio Grenouille. Es spürt die sozialen und politischen Brennpunkten der Mittelmeerstadt auf und zeigt Kultur immer im Rahmen des jeweiligen Milieus. Ähnlich bunt gemischt ist das Musikprogramm des Senders: Es reicht von Jazz über Punk hin zu Hip Hop, stellt französischen Elektro neben algerische Volksmusik, streift Stile und Jahrzehnte und macht nur um die aktuellen Charts einen weiten Bogen.

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