
Ich werde oft für eine
artistische Fotografin gehalten, aber seit ich Sanelisiwe
kennengelernt habe, kann ich nicht mehr zustimmen. Sie ist eine. Ihre
Bilder aus dem Bambai-Township nördlich von Durban haben etwas
Anarchisches und Verträumtes zugleich. Das sieht ihr ähnlich. Sie
ist die Jüngste von elf Kindern, die bei "Grandma"
Alicia aufwachsen, weil sie keine Eltern mehr haben. Sunny wirkt als
einzige völlig unbeschwert. Sie ist nach den Unruhen von 1992 geboren.
So musste sie nicht mitansehen, wie Nachbarn sich gegenseitig
umbrachten, weil sie nach dem Ende der Apartheid die falsche Partei
wählten. Ihre älteren "Geschwister" hatten dieses Glück nicht.

Irgendwann kam sie auf
mich zugerannt – vielleicht hatte ich zuvor meine Kamera auf sie
gerichtet, vielleicht auch nicht. Jedenfalls war sie plötzlich da
und hatte auch schon den kiloschweren Apparat in den Händen und
schoss einfach drauf los. Schießen, shoot, so nannte sie das auch.
Sie war so getrieben und begeistert, dass ich sie gewähren ließ,
die Kamera gerade noch unterstützend und ein paar Einstellungen
anpassend. Aber die Fotos machte sie.
Die Teenagermädchen aus ihrer
Tanzgruppe, die für sie Mütter und Schwestern zugleich sind, warfen
mir vorwurfsvoll-verständnislose Blicke zu. Jaaaa, ich bin viel zu
nett mit Kindern. Immerhin patschte Sanelisiwe auf dem Filter herum,
so dass den ganzen Tag über kein Bild mehr scharf wurde. Aber das war es
wert.
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| Sanelisiwe ist Tänzerin - das ist ihren Fotos anzusehen |
Sie machte alles ganz
anders als ich, riss die Kamera herum und fotografierte natürlich
von ganz weit unten, aus der Perspektive einer Sechsjährigen. Lomo
mit einer Studiokamera. Alle beobachteten unser Tauziehen um das
Gerät, während dem Sunny eifrig um sich schoss – und sie lachten
verblüfft in die Kamera. Wer, wie, wo und warum stand, war ihr
völlig egal, und auch, wie oft sie auf den Auslöser drückte. Ich
schrieb die Fotos ab – aber welche Überraschung, als ich sie sah!
Ich war so eingenommen von
den Tänzerinnen und dem bunten, lauten, bewegten Geschehen um sie
herum, dass in meinen Fotos nichts von der Melancholie und Langeweile
der "normalen" Schüler in ihren Uniformen zu sehen ist.
Was mir alles entgeht, weil ich zu viel kadriere und überlege!
Horizont? Fokus? Fluchtpunkt? Vorder- und Hintergrund? Vergiss es!
Sunny hat mich die Poesie des Zufalls und der stürzenden Linien
gelehrt – und mich daran erinnert, dass der Fotograf nie als
stummer Beobachter verschwindet, sondern immer Teil des Geschehens
ist.
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| Zukunft? Vielleicht. |
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| Die Kamera war nicht das einzige Gerät, das sie interessierte... |
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| Vergiss den Fokus! |