Freitag, 11. Januar 2013

Vergiss die Perspektive! – Was mich eine Sechsjährige über Fotografie lehrt

Ich werde oft für eine artistische Fotografin gehalten, aber seit ich Sanelisiwe kennengelernt habe, kann ich nicht mehr zustimmen. Sie ist eine. Ihre Bilder aus dem Bambai-Township nördlich von Durban haben etwas Anarchisches und Verträumtes zugleich. Das sieht ihr ähnlich. Sie ist die Jüngste von elf Kindern, die bei "Grandma" Alicia aufwachsen, weil sie keine Eltern mehr haben. Sunny wirkt als einzige völlig unbeschwert. Sie ist nach den Unruhen von 1992 geboren. So musste sie nicht mitansehen, wie Nachbarn sich gegenseitig umbrachten, weil sie nach dem Ende der Apartheid die falsche Partei wählten. Ihre älteren "Geschwister" hatten dieses Glück nicht.
Irgendwann kam sie auf mich zugerannt – vielleicht hatte ich zuvor meine Kamera auf sie gerichtet, vielleicht auch nicht. Jedenfalls war sie plötzlich da und hatte auch schon den kiloschweren Apparat in den Händen und schoss einfach drauf los. Schießen, shoot, so nannte sie das auch. Sie war so getrieben und begeistert, dass ich sie gewähren ließ, die Kamera gerade noch unterstützend und ein paar Einstellungen anpassend. Aber die Fotos machte sie.


Die Teenagermädchen aus ihrer Tanzgruppe, die für sie Mütter und Schwestern zugleich sind, warfen mir vorwurfsvoll-verständnislose Blicke zu. Jaaaa, ich bin viel zu nett mit Kindern. Immerhin patschte Sanelisiwe auf dem Filter herum, so dass den ganzen Tag über kein Bild mehr scharf wurde. Aber das war es wert.
Sanelisiwe ist Tänzerin - das ist ihren Fotos anzusehen
Sie machte alles ganz anders als ich, riss die Kamera herum und fotografierte natürlich von ganz weit unten, aus der Perspektive einer Sechsjährigen. Lomo mit einer Studiokamera. Alle beobachteten unser Tauziehen um das Gerät, während dem Sunny eifrig um sich schoss – und sie lachten verblüfft in die Kamera. Wer, wie, wo und warum stand, war ihr völlig egal, und auch, wie oft sie auf den Auslöser drückte. Ich schrieb die Fotos ab – aber welche Überraschung, als ich sie sah!
Ich war so eingenommen von den Tänzerinnen und dem bunten, lauten, bewegten Geschehen um sie herum, dass in meinen Fotos nichts von der Melancholie und Langeweile der "normalen" Schüler in ihren Uniformen zu sehen ist. Was mir alles entgeht, weil ich zu viel kadriere und überlege! Horizont? Fokus? Fluchtpunkt? Vorder- und Hintergrund? Vergiss es! Sunny hat mich die Poesie des Zufalls und der stürzenden Linien gelehrt – und mich daran erinnert, dass der Fotograf nie als stummer Beobachter verschwindet, sondern immer Teil des Geschehens ist.


Zukunft? Vielleicht.


Die Kamera war nicht das einzige Gerät, das sie interessierte...

Vergiss den Fokus!