Mittwoch, 5. Dezember 2012

Die Stille der neun Millionen

Tokyo taucht an der Oberfläche auf, wir in sie ein – eine Stadt in weiß (Bürohäuser) und gelb (Sonnenaufgang). Wir, das bin ich in einer fast leeren Metro, in der mich überall Gesichter anstarren: Von der flirrend bunten Werbung ringsum. Aberdutzende winzige Haltegriffe schwingen in Vorfreude auf die Rush-Hour hin und her – obwohl: Freude? Ist das hier vorstellbar? Zumindest jetzt, um kurz nach sechs, sind die Mienen frostig und übermüdet, tief die Augenringe. Nur die Werbemenschen an den Wänden tragen bunt und ein Lächeln; diese hier schweigen, dösen, verstecken sich hinter Zeitungen und Atemmasken. Einmal meine ich einen Straßenmusiker zu hören, doch es ist die Bahn selbst, die eine elektronische Melodie von sich gibt. Sonst Schweigen. Nur ein Schüler – wie alle in steifer marineblauer Uniform, wie rauft man darin eigentlich? - schaut munter in die Runde, doch als kein Blick antwortet, vertieft er sich wieder in die Lektüre seines Schulheftes. Plötzlich eine Stimme. „Looook, you can you see Mount Fuji over there!“ Der ehrwürdige Geschäftsmann neben mir ist zum Leben erwacht. Gerade noch hat er mir mit einer vagen Wischbewegung auf der Karte den Weg gewiesen, mürrisch wie ich fand – jetzt strahlt er und widmet sich mit kindlicher Ehrfurcht dem Suchspiel nach Fuji-san, der hin und wieder für ein paar Millisekunden zwischen den Häusern auftaucht.


(5.12., 6 Uhr Ortszeit, gefühlt 14 Uhr - kalifornische Zeit)