Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist über meinen Artikel im aktuellen Südlink gestolpert und hat die Veröffentlichung untersagt! Der Grund: Unternehmen würden
einseitig kritisiert. Das INKOTA-netzwerk als Herausgeber des Südlink
hat den Text prompt als Extrablatt gedruckt und dem Heft beigelegt, direkt vor die weißen Seiten...
Das passiert einem nicht alle Tage. Mehr über diese Steilvorlage des BMZ ist hier zu erfahren >>
Kommentare im epo-MediaWatch >>
und auf Kathrin Hartmanns Blog "Ende der Märchenstunde" >>
sowie ein TV-Bericht im NDR-Medienmagazin ZAPP vom 12.9.2012 >> (im 2. Reiter ("Durchgezappt") ab Minute 2:46, hinter Putin ;-)
ein Bericht im FAZ-Feuilleton >> (im kostenpflichtigen Archiv)
und ein Interview bei Radio Dreyeckland >>
und schließlich widmet die entwicklungspolitische Zeitschrift iz3w dem Fall ihr Editorial >>
Ihr könnt den "Skandal"-Artikel auch hier unten oder hier bei INKOTA lesen - auf eigene Gefahr.
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sowie ein TV-Bericht im NDR-Medienmagazin ZAPP vom 12.9.2012 >> (im 2. Reiter ("Durchgezappt") ab Minute 2:46, hinter Putin ;-)
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Virtuose Ablenkmanöver
Viele Firmen nutzen CSR-Strategien, um ihr Image reinzuwaschen – oft bleibt es bei einem Lippenbekenntnis
Kaum ein größeres Unternehmen kommt heute ohne
eigene CSR-Abteilung aus. Doch viele Häuser lagern ihr Gewissen in diese
Abteilung aus, um im Rest „business as usual” zu betreiben. Wie
funktioniert professionelles Greenwashing bei einem Skandalkonzern,
einem Händler mit Öko-Image und einem Surfbretthersteller, der auf
Freiwilligkeit pocht?
Vale hat ein Imageproblem und weiß das. Auf dem
Gegengipfel zum Weltwirtschaftsforum in Davos hat der brasilianische
Bergbaukonzern dieses Jahr den „Public Eye Award” für das
verantwortungsloseste Unternehmen der Welt erhalten. 25.000 Menschen
hatten online für Vale gestimmt – als Denkzettel für eine 70-jährige
Geschichte voller Menschenrechtsverstöße, unmenschlicher
Arbeitsbedingungen und Vertreibungen wie jetzt am Belo-Monte-Staudamm.
Vale hat auf den Schmähpreis mit einem kurzen Brief
reagiert: Die Anschuldigungen seien „schwerwiegend” und
„ungerechtfertigt”. Immerhin halte man nur neun Prozent an Belo Monte
und sei damit ein „unwesentlicher Teilhaber”. Kein Wort davon, dass Vale
der Motor hinter dem Projekt ist, weil es den Strom für seine
benachbarte Eisenerzmine braucht. Vale, mit 18,9 Milliarden US-Dollar
Jahresumsatz das zweitgrößte Bergbauunternehmen der Welt, duckt sich
weg. Ein Ausweichmanöver – wie seine CSR-Arbeit auch.
Vales CSR-Abteilung bedruckt eine Menge Papier und
unterzeichnet fleißig Abkommen: Jährlich erscheint ein 100-seitiger
Nachhaltigkeitsbericht, Angestellte erhalten ein Menschenrechtshandbuch
und einen Ethikkodex und die Öffentlichkeit kann eventuelle Verstöße
über einen unternehmenseigenen Whistleblowing-Kanal anzeigen. Qua
Mitgliedschaft im Global Compact verpflichtet sich Vale formal
nachhaltig zu wirtschaften – und darf sich das blaue Siegel der
Vereinten Nationen anheften. Eine Strategie, die so häufig und
durchschaubar ist, dass sie ihren eigenen Terminus bekam: Bluewashing.
Mit konkreten Zusagen ist dieses CSR-Gerüst
allerdings kaum verbunden. So darf Vales Vorstandsvorsitzender Ricardo
Flores im Nachhaltigkeitsbericht 2011 philosophieren: „Für unsere Firma
ist Leben wichtiger als Produktion; falls wir wählen müssen, entscheiden
wir uns für das Leben.” Genauso nebulös klingen die zentralen
Unternehmenswerte: „Das Leben zählt am meisten. Schätzt unsere Leute.
Würdigt unseren Planeten. Tut, was richtig ist. Arbeitet gemeinsam an
Verbesserungen. Macht es möglich.”
Vale: Strategische Irreführung
Vale scheint aus seinen Fehlern keineswegs zu
lernen. Vertreibungen bei fehlendem Mitspracherecht und mangelhafter
Entschädigung: Derzeit wiederholt der Konzern das Belo-Monte-Muster bei
einem Megaprojekt in Mosambik. Seit 2011 baut Vale in der Provinzstadt
Moatize eine der größten Kohleminen der Welt. Dafür wurden 2009 750
Familien zwangsumgesiedelt, nachdem sie sich jahrelang zur Wehr gesetzt
hatten. Dorfgemeinschaften wurden auseinandergerissen und die Familien
können sich auf dem weniger fruchtbaren Land kaum ernähren. Die von Vale
versprochenen Entschädigungen entpuppten sich als bloße Makulatur:
„Wenn es regnet, fließt Wasser in mein Haus und wir müssen die Nacht im
Stehen verbringen”, berichtete ein umgesiedelter Mann der
Nichtregierungsorganisation Justicia Ambiental. „Meine Familie ist
hungrig, ich habe keinen Job mehr. Seit elf Monaten esse ich nichts als
Kleie. Wenn ich dürfte, würde ich zurückgehen.”
Offensichtlich hat Vale zwar 1,3 Milliarden
US-Dollar für das Moatize-Projekt übrig, aber kein Geld für stabile
Hütten. Monika Orlowski, die seit Jahren als Agraringenieurin in Maputo
arbeitet, beschreibt das Vorgehen des Konzerns in einem Artikel für den
Mosambik-Rundbrief: „Die Verträge zwischen Vale und der Regierung (...)
werden in Maputo ausgehandelt und die Bevölkerung wird nicht oder nur
mangelhaft in die Diskussion mit einbezogen. Gemeindevertretern und
politischen Funktionsträgern auf Distriktebene werden oft Privilegien
angeboten, um sie als Fürsprecher für die Projekte zu gewinnen. Wenn sie
sich aber kritisch äußern und Beschwerden benachteiligter
Gemeindemitglieder aufgreifen, werden sie von höherer Stelle als
Agitatoren oder fortschrittsfeindlich bezeichnet.”
Vor diesem Hintergrund klingt es geradezu zynisch,
was Vale auf seinen CSR-Seiten verspricht: „Unser Verhalten basiert auf
Dialog und gegenseitigem Respekt. Wir sind bestrebt, Beziehungen zu
pflegen, die von kontinuierlichem Engagement geprägt sind, und
Initiativen zu unterstützen, die zur sozialen, wirtschaftlichen und
ökologischen Entwicklung in unseren Projektregionen beitragen, von
Anfang bis Ende unserer Tätigkeit vor Ort.” Papier ist geduldig.
Quiksilver: Schildkröten statt Mindestlohn
Viele Firmen verstehen CSR als freiwilliges,
beliebiges und per se lobenswertes Engagement. Der Surf- und
Outdoorhersteller Quiksilver ist ein typisches Beispiel für eine solche
„Charity”-Philosophie, die auf einer libertären Grundhaltung basiert. So
hat das australisch-kalifornische Unternehmen zwar eine aufwendig
gestaltete CSR-Website mit einem bunten Allerlei an externen Kampagnen,
vom Fundraising für Meeresschildkröten bis zu Brustkrebsprävention, doch
in ihrer eigenen Produktionskette arbeitet es keineswegs an
Verbesserungen. Auch scheint Quiksilver lieber mit prominenten Surfern
zusammenzuarbeiten als mit internationalen Kampagnen und etablierten
Strukturen.
Die wort- und bildreiche Website steht in Kontrast
zu Quiksilvers mangelnder Transparenz in eigenen Angelegenheiten. Den
Fragebogen der Clean Clothes Campaign (CCC), die sich international für
bessere Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie einsetzt, hat
Quiksilver gar nicht erst beantwortet. Laut CCC gibt Quiksilver keine
Information zur Struktur der Zulieferkette, der Produktionsländer und
der Produktionsstätten und veröffentlicht keinen Sozialbericht. Weder
ist das Unternehmen Mitglied einer Business-Monitoringinitiative noch
veröffentlicht es Ergebnisse von Fabrikaudits.
Die EinkäuferInnen erhalten laut CCC keine Anreize,
Aufträge bevorzugt an Produktionsstätten mit besseren Arbeitsbedingungen
zu geben. In seinem Verhaltenskodex bleibt Quiksilver hinter den
Bestimmungen der ILO-Kernarbeitsnormen zurück: So müssen
Quiksilver-ArbeiterInnen lediglich den gesetzlichen Mindestlohn oder
Standard-Industrielohn des Produktionslandes erhalten und haben keinen
Anspruch auf einen Existenzlohn. Wo lokale und internationale
Arbeitsstandards variieren, dürfen sich die Zulieferer für den
niedrigeren Standard entscheiden. Zu vielen Arbeitsrechtsverletzungen
bezieht Quiksilver keine Position und nimmt sie damit bewusst in Kauf;
das kann Strafen bei Krankheit oder Schwangerschaft, das Einbehalten des
Personalausweises oder Nachtarbeit für Minderjährige mit einschließen.
dm: Keine grüne Weste
Seit Jahren gilt die Drogeriekette dm als Inbegriff
von Nachhaltigkeit und gelungener Unternehmensverantwortung. Bei der
Verbraucherbefragung CSR-Tracker des Instituts für Handelsforschung Köln
wurde sie 2011 zu einem der nachhaltigsten deutschen Unternehmen
gekürt. Zu diesem Image trägt auch die öffentlichkeitswirksame
„Futuristen“-Initiative bei, bei der dm und die deutsche
UNESCO-Kommission jährlich bis zu 1.000 Projektideen junger Menschen mit
je 1.000 Euro fördern. Bei einem Jahresumsatz von 4,5 Milliarden Euro
fällt diese Million kaum ins Gewicht, zumal sie durch Kassieraktionen
zustande kommt, bei denen ein dm-Markt eine halbe Stunde lang alle
Einnahmen für ein bestimmtes Projekt sammelt – oft verbunden mit einem
Kundenansturm und lokaler Berichterstattung. Die jungen Leute und ihre
Projektideen werden somit zu ehrenamtlichen Werbeträgern. Wie
erfolgreich und langfristig diese nach dem Gießkannenprinzip geförderten
Projekte sind, wird hingegen nicht geprüft.
„Gemeinsam gestalten wir Zukunft” lautet das Motto
der Initiative. Damit sollte dm jedoch erst einmal bei seinen
Herstellern anfangen. Während die Arbeitsbedingungen in den deutschen
dm-Märkten als gut gelten – Tarifzahlung und gute Noten von Ver.di
inbegriffen –, hält dm Herstellungswege bewusst intransparent. Eine
WDR-Dokumentation zeigte, dass in vielen bei dm verkauften Shampoos und
Kosmetika Palmöl unbekannter Herkunft verwendet wird. Die massive
Nachfrage nach Palmöl führt in Anbauländern wie Indonesien und Malaysia
zu Regenwaldrodungen und Vertreibungen. Soja und Raps wären bessere
Alternativen, doch dann müsste dm Abstriche an seinen Gewinnmargen
hinnehmen oder die Preise um ein paar Cent erhöhen.
Außerdem verfolgte das WDR-Team eine Kinderhose ohne
Angabe des Herstellerlandes bis in einen bengalischen Sweatshop zurück.
Auf diesen Vorwurf reagierte dm mit der Versicherung, ab 2013 genaue
Herkunftsbezeichnungen aufzunehmen. „Absurd” sei jedoch die Forderung,
„dass wir unsere Lieferanten kontrollieren statt auf eine
vertrauensvolle und vertraglich sauber ausgestaltete Zusammenarbeit zu
bauen. Die Aufforderung, dass das mittelgroße Unternehmen dm seriöse und
weltweit operierende Großkonzerne wie Henkel, Unilever oder
Procter&Gamble kontrollieren soll, muss jedem Menschen nach kurzem
Nachdenken als unmöglich und anmaßend erscheinen.” Ein Unternehmen, das
möglichst billig produziert und seine Lieferketten nicht kennt?
Verantwortung sieht anders aus.