Koloniale
Mimikry verwirrt und provoziert – bis heute
Die
kongolesischen Sapeure und die nigrischen Songhay haben ihre
Kolonialmächte in grotesken Kulten imitiert – und wurden
unterdrückt. Mimikry galt als Widerstand; beim Blick in den Spiegel
grauste es den Herrschern vor sich selbst. In der SAPE-Bewegung lebt
das Spiel mit den Identitäten fort und bekommt im europäischen Exil
eine neue Bedeutung.
(veröffentlicht im SÜDLINK, dem Nord-Süd-Magazin von Inkota, 06/2012, S. 34-35 >>)
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| Foto: Francesco Giusti (courtesy of the photographer) |
Parodie
auf die Kolonialherren
Der
Kontrast könnte größer nicht sein – und er ist beabsichtigt.
„Das fühlt sich sehr imperial an“, sagt SAPE-Mitbegründer Papa
Wemba in einer BBC-Dokumentation, als er einen schweren Pelzmantel
anlegt. „Wenn du das trägst, fühlst du dich wie ein König, wie
ein Chef.“ Die Sapeure geben sich hochtrabende Namen – „Roi de
Gaulle“, „Erzbischof“, „Pariser“ – und einige tragen
französische Orden oder
Schärpen in den belgischen Nationalfarben.
Die
Dandy-Bewegung entstand als
Reaktion auf die Kolonialherrschaft – als Parodie, aber auch als
Wettstreit mit den überlegen auftretenden Europäern. Mit
Anzug und Hut begannen Kongolesen den Stil der Bourgeoisie zu
imitieren, später kamen künstliche Glatzen und vorgetäuschte
Bäuche hinzu. „Die Sapeure übernehmen das Spiel ihrer
Kolonialherren und versuchen, sie auf deren eigenem Terrain zu
schlagen, indem sie der europäischen Mode ihren eigenen Dreh geben“,
schreibt das afroamerikanische Magazin Booker Rising. Als
der kongolesische Politiker und Widerstandskämpfer André
Grenard Matsoua 1922 im Gewand eines Pariser Gentlemans aus
Frankreich zurückkam, war der SAPE geboren – als Idee, die
koloniale Hierarchie durch einen eigenen Kodex der Eleganz und Moral
zu überwinden.
Die
Extravaganz des SAPE, die viele Sapeure in den Ruin oder ins
Gefängnis führt, mag erstaunen. Doch sie ist die Antwort auf eine
Situation, die seit der Kolonialzeit keine Normalität, keine
Kontinuität mehr kennt; zwischen Bürgerkriegen und Migration stellt
megalomanische Mode eine neue Identität her. „Wie viel kostet
das?“ fragt ein Sapeur in der BBC-Dokumentation und deutet auf eine
Designerweste. – „8.250 Euro.“ – „Damit könnte ich in
Kinshasa ein halbes Haus kaufen.“ – „Entscheide Dich.“ In der
nächsten Einstellung trägt er die Weste.
Autonomie
durch Stil
Die
Sapeure sind mehr als eitle Selbstdarsteller; mit ihrem hybriden Stil
lehnen sie sich gegen die vielen Bevormundungsversuche auf, denen die
Kongolesen seit der Kolonialzeit ausgesetzt waren: So war der
SAPE-Kult nicht nur unter den Belgiern verboten, die sich
verballhornt sahen, sondern auch unter Diktator Mobuto, der –
inspiriert durch den Kommunismus und die „négritude"-Bewegung
– nur die schnöde Abacost-Uniform duldete. Die Sapeure aber
wollten und wollen sich nicht in das Klischee des „natürlichen“
und „authentischen“ Afrikaners zwängen lassen; der SAPE ist ihr
Manifest einer hybriden Kultur – und ein Schrei nach Anerkennung.
Für
Frantz Fanon, den Psychiater und Philosoph aus Martinique, waren
Imitationen der Weißen ein Zeichen für einen panafrikanischen
Minderwertigkeitskomplex. In seinem postkolonialen Klassiker
„Schwarze Haut, weiße Masken" – geprägt durch eigene
Erfahrung in der französischen Armee – beschreibt Fanon, wie der
Kolonialisierte die ihm entgegengebrachte Geringschätzung
internalisiere und eine entfremdete Selbstwahrnehmung entwickele. Er
könne die entstandene Lücke nur durch den kulturellen Code und die
Statussymbolen des Kolonialherren füllen.
Doch der
SAPE ist keine „weiße Maske“ in Fanons Sinne – die groteske
Imitation gibt den Dandys vielmehr Macht über ihre einstigen
Machthaber. Darin ähnelt der SAPE dem Hauka-Kult, den der
französische Ethnologe Jean Rouch 1953 in seinem Dokumentarfilm „Les
Maîtres Fous“ („Die verrückten Herrscher“) verewigt hat. Seit
den 1920er Jahren wurden immer wieder Nigrer aus der Gruppe der
Songhay (Djerba und andere) von Geistern ehemaliger Kolonialverwalter
befallen, die sie „Hauka“ nannten: „neue Götter, Götter der
Stadt, der Technik, der Macht“, wie es Jean Rouch übersetzt.
Arbeitsmigranten aus dem Niger brachten den Kult unter anderem ins
ghanaische Accra, wo sie Rouch baten das wöchentliche
Besessenheitsritual zu filmen.
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| Filmstill: Les Maîtres Fous, 1953, dir. Jean Rouche |
Macht
verkörpern, Macht erlangen
Rouch
zeigt, wie die Geister in die Körper der Arbeiter eindringen und
diese vollkommen in Besitz nehmen – mit allen Zeichen der
Besessenheit wie schäumenden Mündern und rollenden Augen. Zum
Beweis dafür, dass der Rollenwechsel vollzogen ist, verbrennen die
Hauka sich mit Feuer und kochendem Wasser und verspeisen sogar einen
Hund – in der Songhay-Kultur ein Tabu. Mit abgezirkelten Bewegungen
und Schreien in französischer Sprache verkörpern sie hochrangige
Kolonialbeamte; sie berufen Konferenzen am runden Tisch ein, tragen
Machtkämpfe aus und machen kleinliche Streitigkeiten zur
Staatsangelegenheit: „Soll der Hund gekocht oder roh gegessen
werden?“
Dabei
legen sie größten Wert aufs Protokoll und Details: Bettlaken dienen
als Union Jack, Stöcke als Gewehre und ein über dem Kopf
zerschlagenes Ei ersetzt den weißen Helmbusch der englischen Garde.
Wie viel davon transzendentes Geschehen und wie viel Performance ist,
lässt Rouch bewusst offen. Nur an einer Stelle deutet er subtil an,
dass das Geschehen nicht ganz so fremdbestimmt ist wie es scheint:
Kurz bevor die Taxis auf den teuren Nachttarif umstellen, verlassen
die Geister die Körper und die Arbeiter treten den Rückweg in die
Stadt an.
Wie der
Historiker James G. Ferguson beobachtet, hatten Kolonialmächte immer
ein gespaltenes Verhältnis zur Imitation, zur Mimikry: „Einerseits
versuchten sie ihre Untertanen zu ‚zivilisieren’ und sie nach dem
Bilde der Europäer zu formen [...]. Andererseits drohten Imitationen
immer exzessiv und unkontrolliert zu werden und die klaren Grenzen
zwischen Siedlern und Einheimischen zu durchbrechen, auf die die
Kolonialordnung angewiesen war.“
Der
Blick in den Spiegel
Im Fall
des Hauka-Kults war die Frage für die französischen
Kolonialregierung im Niger und die britischen Machthaber in Ghana
klar: Sie begriffen die Parodie als intolerablen Affront und offenen
Widerstand – der Kult und sogar Rouchs Film wurden verboten. „Die
Hauka wurden 1935 eingesperrt, weil sie den weißen Mann darstellten,
der von ihrem Körper Besitz ergriff, und Rouchs Film wurde wiederum
in den fünfziger Jahren verboten, weil er diese Darstellung
darstellte“, schreibt der Ethnologe Michael Taussig. Diese Reaktion
enthüllt ein System, dem es bei dem Blick in den Spiegel vor sich
selbst graust. Denn, so sagt es Rouchs Sprecher im Prolog zu Recht:
„Dieses gewalttätige Spiel ist nichts als der Spiegel unserer
eigenen Zivilisation.“
Die
Mimikry der Sapeure und Hauka-Anhänger ist keineswegs ein Zeichen
der Kapitulation oder ein Versuch der Assimilierung – im Gegenteil.
Die Verkörperung der Herrscher hilft ihnen koloniale
Unterdrückungserfahrung zu verarbeiten und sich die gegen sie
gerichtete Macht auf friedliche Weise selbst anzueignen. Statt die
Mode oder das militärische Prozedere eins zu eins zu übernehmen,
stellen sie das herrschende System auf den Kopf und versuchen so die
Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen und sich neu zu
erfinden.
Der
Hauka-Kult hat das Ende der Kolonialzeit nicht überlebt; die Sapeure
hingegen exportieren ihren Stil in die afrikanische Diaspora
europäischer Großstädte. 2010 ließ sich der britische Modemacher
Paul Smith von dem afroeuropäischen Stil inspirieren und brachte
SAPE auf seinen Catwalk. Doch vor allem sind die Sapeure dabei, sich
vom Fluch des ewigen postkolonialen Zitats zu emanzipieren: Jocelyn
Armel hat in Paris das erste kongolesisches Label gegründet:
Connivences. Jetzt müssen die Sapeure nicht mehr die ehemaligen
Kolonialmächte bereichern, um sie zu parodieren.
Zum
Weiterlesen
und Weitersehen:
Daniele
Tamagni: Gentlemen
of Bacongo (Fotoband),
2009, Trolley Books.
Francesco
Giusti: Sapologie (Fotoserie, ausgezeichnet als World Press Photo 2009):
http://francescogiustiphoto.viewbook.com/sapologie.
Alain
Mabanckou: Black Bazar (Erzählung), Paris
2009
(dt. Übersetzung München 2010).

