(Kolumne in der taz, veröffentlicht am 14.3.2013 >>)
„Wer
selbst nichts dergleichen erlebt hat, kann sich die Risiken kaum
vorstellen”, sagt Tomohiro Tonno. Atomkraft, das ist für viele
Japaner die „gute” Energie; das Wort dafür – „genshi” –
hat etymologisch nichts zu tun mit „kaku”, der zerstörerischen
Kraft, die für Nuklearwaffen genutzt wird. Das suggeriert einen
Unterschied, der wissenschaftlich nicht existiert. Beides setzt die
Spaltung von Plutonium und Uran voraus; ein Land, das Atomkraftwerke
hat, kann auch Atombomben bauen. Die Liberaldemokratische Partei, die
bei den Wahlen am 16. Dezember die Macht in Japan zurückerlangt hat,
hat jegliche Diskussion über einen Atomausstieg um drei weitere
Jahre verschoben.
Die
Tonnos glaubten an die Mär vom guten „genshi”. Sie
rissen sich nicht um ein AKW in der Nachbarschaft, aber dagegen
protestieren – ach wo. „Wir sagten uns: Irgendwo muss die Energie
ja herkommen”, erinnert sich Tomohiro. Und im März 2011 dachten
sie erst recht nicht an das Daichi-Werk, das 30 Kilometer von ihrem
Haus entfernt an der Küste stand. Sie hatten Wichtigeres zu tun.
Onigiri-Bällchen rollen zum Beispiel. Denn mit der ersten
Tsunamiwarnung füllte sich ihre Firma mit Flüchtlingen, die ihre
Häuser an der Küste verlassen mussten. „Wir brachten sie im
Pausenraum unter”, erzählt Ayako. „Sie mussten ja irgendwo hin,
einen Evakuierungsplan gab es nicht.” Also bereitete sie
Reisbällchen und ihr Ehemann servierte – an ihren guten Sitten als
Gastgeber sollte das Erdbeben nicht rütteln. Damit waren sie so
beschäftigt, dass sie nicht einmal den Fernseher anschalteten.
„Abends
kam meine Freundin zu mir in die Küche und flüsterte: 'Ich habe
Decken in den Kofferraum gepackt. So können wir jederzeit
losfahren.' Erst da ahnte ich, dass wir vielleicht doch nicht so
sicher waren wie die Regierung uns glauben machte.” Als die Tonnos
sahen, dass die Familien der TEPCO-Arbeiter flohen, verließen auch
sie ihre Stadt. „Wir nahmen nur die Klamotten mit, die wir trugen,
denn wir wollten ja bald zurück kommen. Alle dachten so.” Doch
ihre Odyssee hatte gerade erst begonnen. Sie blieben nie lange an
einem Ort, Flüchtlingsunterkünfte gab es nicht und ihre Verwandten
hatten nicht ausreichend Platz. Nach sieben oder acht Umzügen
landeten sie in Tokio, wo die Regierung einige Wohnungen zur
Vermietung an die Fukushima-Flüchtlinge reserviert hatte.
Die
Tonnos kehrten noch zehn Mal ins verstrahlte Gebiet zurück, um ihre
Firma zu schließen. Jetzt würde hier niemand mehr Backsteine
brauchen, das wurde Ayako gleich klar. „Die Straßen unserer Stadt
waren schon immer schmal”, sie lacht beim Erzählen, aber
ihre Augen füllen sich mit Tränen. Noch einmal sieht sie
Tsushima vor sich – die Geisterstadt, die nur noch in der
Erinnerung existiert. Die überwucherten Straßen. Die halb
zerfallenen Häuser. „Wir hatten eine Katze.” Tomohiros
Mundwinkel zucken, er schiebt seinen Barhocker zur Seite und geht
ohne ein Wort hinaus. Ayako nickt. „Als wir im April zurückkamen,
sahen wir sie noch lebendig.” Sie flüstert jetzt fast. Die Stimme
der Übersetzerin zittert. Ich halte die Luft an. „Sie sprang zu
uns ins Auto. Als wollte sie sagen: 'Lasst mich hier nicht allein.'
Aber in unseren Unterkünften gab es keinen Platz für sie. Wir sahen
sie nie wieder.”
Tomohiro
kommt zurück. „No nuke”, sagt er auf Englisch. Viel zu spät sei
diese Erkenntnis gekommen. „Wir haben die Atomenergie passiv
unterstützt, weil wir geschwiegen haben.” Seit sie in Tokio
wohnen, versuchen sie alles nachzuholen. Gehen auf Demos. Arbeiten
als Freiwillige für Peace Boat – und bekamen dafür die Reise
erstattet. „Zusammen haben wir eine Millionen Yen (Zehntausend
Euro) von der Regierung erhalten, doch um unseren Verlust zu
kompensieren, reicht das nicht”, sagt Tomohiro. „Wir haben keine
Arbeit und kein Zuhause mehr.”
Die
Loungemusik aus den Lautsprechern geht in die dritte Schleife, der
Barkeeper mixt Cocktails und im Pool platschen Teenager. Tomohiros
Blick verliert sich in der Ferne. Der Ozean ändert sich täglich. Es
ist nicht so sehr die Form der Wellen, sondern all das schon
Vergessene und noch Erhoffte, das aus ihm auftaucht, wenn wir ihn
lange betrachten. Für einen Moment wirkt Tomohiro unendlich
verlassen.
Foto: Christina Felschen/ Peace Boat
Foto: Christina Felschen/ Peace Boat