Das kalifornische Reporterpaar Menzel-D’Alusio dokumentiert Esskulturen weltweit – und macht sichtbar, wie ungleich Lebensmittel verteilt sind
Die
Sonne scheint warm vom Himmel auf eine Familie, die vor ihrem Zelt zu Abend isst
– so wirkt es auf den ersten Blick. Doch die Stoffbeutel, die Familie Aboukabar
vor sich drapiert hat, enthalten nicht eine Mahlzeit, sondern sieben
– für sechs Menschen. Einige Bilder weiter begegnen wir Schokoriegeln, Fertigpizza, importierten
Früchten ernähren und Hunde-Nassfuttere
– und mitten in diesem Essensberg den Baintons aus
Großbritannien. Der Unterschied ist
erschreckend. Wie können die sieben Flüchtlinge aus dem Sudan von dem bisschen
satt werden, wenn eine durchschnittliche britische Familie ein Vielfaches
verbraucht? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Aboukabars werden nicht satt.
Wie
können Fotografen den Hunger sichtbar machen, der den Alltag von jedem sechsten
Menschen weltweit dominiert? Die allgegenwärtigen Fotos von Menschen mit ausgemergelten
Körper und Hungerbäuchen lassen die Betrachter zu Voyeuren werden und mit der Weile abstumpfen. Peter Menzel hat
einen anderen Weg gefunden. Zusammen mit der Journalistin Faith D’Alusio hat er
30 Familien in 24 Ländern besucht und sie beim Einkaufen, Kochen und Essen
portraitiert.
Der
Höhepunkt der „Hungry World“-Arbeit sind diese Gruppenfotos im Stil ethnologischer Portraits, auf denen Familien ihre Nahrung für eine Woche präsentieren. In
ihnen zeigt sich die große Ironie moderner
Ernährung: Während Hunderttausende hungern, sind ebenfalls Hunderttausende
übergewichtig.
Im Zeitalter
der Globalisierung hört die Ernährung auf, privat und kulturspezifisch zu sein.
Stattdessen wird sie von unkontrollierbaren Faktoren bestimmt – von Konflikten,
Migration, Armut, Spekulationen, den Verkaufsstrategien der globalen
Lebensmittelindustrie und vielem mehr. Faktoren, die innerhalb kürzester Zeit
Veränderungen bringen können. Während Familie Ayme in ihrem ecuadorianischen
Andendorf regionale Produkten auf offenem Holzfeuer zubereitet, ist Familie Casales aus
Mexiko zwischen Bergen aus Fleisch, Süßem und verarbeitetem Essen kaum zu
erkennen. Und selbst im gesundheitsbewussten Japan gibt es einen Generationenwandel,
der sich im Familienportrait andeutet: Die Lieblingsgerichte der beiden
Erwachsenen sind Sashimi (Fischfilet) und Obst, die jugendlichen Töchter mögen
Kuchen und Kartoffelchips.
Das
Reporterpaar reichert die Fotos mit dokumentarischen Details an: den Kosten des
Essens, Einkaufslisten, typische Familienrezepte und Lieblingsessen. So
erfahren wir, dass die Aboukabars aus dem Sudan umgerechnet 1,23 US-Dollar für
ihr wöchentliches Essen aufwenden müssen, die Baintons hingegen 253,15
US-Dollar – wobei diese Summen durch die unterschiedlichen Einkünfte in den Ländern
wenig aussagekräftig sind. Bei allen Unterschieden in der Menge und Vielfalt
der Nahrungsmittel zeigen die Bilder doch eine Gemeinsamkeit: die Freude am
Essen und Trinken und den Stolz der Familien auf ihren kleinen Schatz.
Die Fotoausstellung "Was is(s)t die Welt" ist noch bis zum 27.
Oktober täglich (außer montags) zwischen 10 und 18 Uhr (mittwochs bis 21 Uhr)
im Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig, Adenauerallee 160, Museumsmeile Bonn zu sehen.
Außerdem ist die
Serie als Buch erschienen: Menzel/ D’Alusio: „Hungry Planet. What the world eats.“
Material World Verlag, 2007. 288 Seiten.