(veröffentlicht im Nord-Süd-Magazin des Inkota-netzwerks, 09/2010>>)Wer kann unsere globalisierte Welt regieren? Wie wirkt sich die Finanzkrise auf die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) aus? Und was bedeutet Entwicklung überhaupt? Wer den entwicklungspolitischen „Dschungel“ zum ersten Mal betritt, ist mit diesem Kompass gut beraten: Peter Meyns' „Handbuch Eine Welt“ stellt auf nur 243 Seiten in 25 Stichworten alle entwicklungspolitisch relevanten Themen vor dem Hintergrund der Globalisierung dar – von A wie „Armut und Armutsbekämpfung“ bis W wie „Weltwirtschaft und Welthandel“.
Das Handbuch leistet mehr als ein reines Nachschlagewerk: Die AutorInnen verstecken sich nicht hinter scheinbar objektiven Definitionen, sondern betrachten ihr Fachgebiet aus kritischer Distanz und beziehen Stellung: Für Herausgeber Meyns ist die Geschichte der EZ vom nachholenden zum nachhaltigen Ansatz auch die Geschichte postkolonialistischer Überlegenheitsfantasien. EZ hat für ihn immer zwei Seiten: Hilfe und Selbsthilfe, ethische Motive und handfeste (Markt-)Interessen. Die Beiträge zeigen Lösungsansätze auf, machen zugleich aber deutlich, dass es keine einfachen Antworten gibt.
Das Kompendium legt einen weiten Entwicklungsbegriff zugrunde, der politische, kulturelle, soziale und ökologische Aspekte ebenso berücksichtigt wie ökonomische. Dem vernetzten Charakter der Entwicklung wird das Buch durch Querverweise gerecht; die alphabetische Anordnung bewahrt vor einer willkürlichen Zuordnung in Ressorts. Wer noch weiter in den Dschungel der Debatten und Theorien vordringen möchte, findet am Ende eines jeden Kapitels hilfreiche Link- und Lektüretipps. Weit weniger benutzerfreundlich ist allerdings die Sprache: „Mit diesem Band legen wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Erörterung der Probleme der Entwicklung in einem sich wandelnden globalen Umfeld vor.“ Mit diesem ersten Satz riskiert Peter Meyns, dass seine LeserInnen ein lehrreiches Kompendium gleich wieder zur Seite legen.
So stark der Band in der Theorie ist, so schwach ist er in der Praxis: Regionale Beispiele gibt es kaum. Die wenigen Schwarz-Weiß-Fotos sind bloß Symbolbilder – Kinder in einer indischen Schule, Frauen beim Wasserholen in Mali – und veranschaulichen wenig. Viele der Grafiken verlieren im Schwarz-Weiß-Druck ihre Aussagekraft. Vielleicht liegt es daran, dass unter den 23 AutorInnen nur drei Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen sind. Gelungene Ausnahmen sind die eingestreuten Essays, die einen Bogen zur Lebenswelt der Leser schlagen: So erklärt Georg Krämer im Kapitel „Globale Umweltprobleme“ den ökologischen Fußabdruck und Renate Nestvogel veranschaulicht anhand sehr unterschiedlicher Äußerungen internationaler Besucher über Deutschland, wie unser Selbstbild das Bild des Fremden bestimmt.
In ihrer kleinen Kulturgeschichte der EZ rekapitulieren die Autoren die internationalen Debatten in historischer Tiefe: von US-Präsident Harry Truman, der Entwicklungshilfe als Bollwerk gegen die kommunistische Gefahr begriff, bis zum kenianischen EZ-Kritiker James Shikwati. Und doch verlässt das Handbuch die eurozentrische Perspektive nicht ganz, denn Stimmen aus dem Süden fehlen. Alle AutorInnen sind Deutsche, fast alle forschen wie der Herausgeber an Universitäten in Nordrhein-Westfalen - sollte die Förderung durch die NRW-Landeszentrale für politische Bildung ein Grund für diese Auswahl sein?
Ihre akademische Verwandtschaft sorgt für kuriose Überschneidungen: So liest man gleich zwei Mal über Modernisierungstheorie, Washington-Konsens und Entwicklungsstaaten – bei Meyns (Entwicklungstheorien) und bei seinem Duisburger Kollegen Franz Nuscheler (Global Governance). Andere Aspekte fehlen dagegen: Welche Rolle spielen Entwicklungsangebote klassischer „Süd“-Staaten, etwa das jahrzehntelange Engagement kubanischer Ärzte im venezolanischen Regenwald? Und in wie fern kann der Norden heute vom Süden lernen?
Dabei steckt der Band voller überraschender Blickwechsel: „Die Griechen lernten von den Ägyptern, also von Afrika.“ Nach dem achtbändigen „Handbuch der Dritten Welt“, zu dem Peter Meyns in den 90er Jahren beitrug, macht das „Handbuch Eine Welt“ schon im Titel sein erfrischend modernes Verständnis von Entwicklungspolitik deutlich: Der Kalte Krieg mit seinen drei „Welten“ ist vorbei und das Globale Dorf zusammengerückt – im Guten wie im Schlechten. Mit Meyns Handbuch passt es jetzt in jede Hosentasche.