Mittwoch, 10. Februar 2010

Game over vor Europas Grenzen

(für das Magazin der Ev. Journalistenschuhttp://www.blogger.com/img/blank.gifle, Einsichten13 )

Bevor Rashid in sich zusammensackt, taxiert sein Blick das Schild auf der anderen Seite des Stacheldrahts: „Bienvenidos a Ceuta“, ein zynisches Willkommen am Tor zur Festung Europa. Doch Rashid hat Glück: Gleich wird er wieder aufstehen, wird Staub und Kugeln aus den Kleidern klopfen und sich zurückbeamen lassen, zurück in die algerische Wüste, wo seine Reise zu Fuß begann. Als Computerfigur des Multi-Player-Games „Frontieres“ hat Rashid viele Leben.
Das österreichische Künstlerkollektiv „Gold Extra“ macht's möglich: die Flüchtlingstragödie zum Nachspielen und Nachempfinden, wahlweise als Migrant oder als Grenzsoldat. Produzentin Sonja Prlić ging es darum, das brisante politische Thema möglichst niedrigschwellig zu vermitteln: „Mit einem Computerspiel ködern wir auch Leute, die sonst wegschalten würden.“ Immerhin 18.000 Zocker haben das kostenlose Spiel in den ersten drei Monaten heruntergeladen. Die aufwändige Grafik erinnert an Ego-Shooter, während die detailgetreue Wiedergabe des Flüchtlingsalltags eher für ein „Serious Games“ spricht.
Für ihr Ludus Magnus haben die fünf Künstler wochenlang in der marokkanisch-spanischen Felswüste und in den ukrainisch-slowakischen Wäldern recherchiert. Dabei sind sie immer wieder an die Grenzen ihrer Kunst gestoßen, dahin, wo die Wirklichkeit aufhört spieletauglich zu sein. So hatte Rashids reales Vorbild nur einen einzigen Versuch, um das gelobte Europa zu erreichen. „Gold Extra“ trafen den jungen Mann in einem Abschiebelager auf der 'falschen' Seite der Grenze: Seine vierjährige Odyssee durch die Sahara, auf der er Bruder und Freund sterben sah, ist zur Sackgasse geworden.